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Patrick Beck
geb. 1975 in Zwickau, lebt nach Aufenthalten in Leipzig, Speyer und London in Dresden
Auszeichnungen
2009 zweimonatiges Aufenthaltsstipendium der Kulturstiftung des Freistaates
Sachsen im Dom Gerharte Hauptmanna in Jagniatkow
Veröffentlichungen im Leipziger Literaturverlag
Swantegard. Hörspiel, ERATA 2008
Ich habe ein Haus aus Licht gebaut. Imaginäre Orte, LLV 2010
Beiträge für INSKRIPTIONEN No. 1, denkporno, ERATA 2008
Beiträge für INSKRIPTIONEN No. 2, paranoia, pink, ERATA 2009
Beiträge für INSKRIPTIONEN No. 3: mondgefleckt, elektrisch, ERATA 2010
Stimmen
"Verschiedenste Orte imaginieren die Worte, anhand derer Patrick Beck in dem kleinen Buch mit dem großen Titel Ich habe ein Haus aus Licht gebaut mich an die entlegensten, bisweilen kafkaesk anmutenden Plätze der Phantas(magor)ie entführt. Mal dunkel, mal hell, mal schrill, mal still, sind es vor allem die kurzen Texte, die mich in besonderer Weise affizieren." Theo Breuer, Im Jahr des Buches 2010, poetenladen.de
"Das Buch entführt den Leser an Orte, die er noch nie gesehen, von denen er aber geahnt hat, dass es sie gibt, vielleicht auch nur in ihm selbst. Jede Begegnung mit diesen Orten ist deshalb auch eine Begegnung des Lesers mit sich selbst. Patrick Becks lyrische Prosa verfolgt keine Fabel, sondern ist mit Spurensuche wohl am besten beschrieben, für die er unverbrauchte Bilder findet. " Michael G. Fritz, Städtische Bibliotheken Dresden
"Sehr feinsinnige Beobachtungen des Unsichtbaren..." Tomas Gärtner, Dresdner Neueste Nachrichten, 29. 9. 2010
"Ein wichtiges Thema, das auf die Hörspielbühne gehört." Li Lien, SAX - Das Dresdner Stadtmagazin, Heft 11/08
"Auf leichtfüßige Art schafft Patrick Beck mit Swantegard den Spagat zwischen Realität und Märchen. Zwischen bedachtem Einsatz der Töne und Wörter und dem Effekt der bezauberten Verwunderung, der nach dem Hören des Stückes bleibt." Lars Reyer, Kunststoff Oktober / November 2008
Rezensionen
Ein
Haus, ein Traum, ein Sturm
Das Prosadebüt des Dresdners Patrick Beck
von Volker Sielaff, Tagesspiegel vom 09.04.2011
In den sich meist nur über wenige Seiten erstreckenden Kurzprosatexten des 1975 in Zwickau geborenen Patrick Beck tauchen Steinzeithütten auf, bronzen glänzende Paläste, Schneegrubenbauden und rätselhafte Bibliotheken, so dass man glauben könnte, hier sei ein Autor am Werk, der in seinen Texten anachronistische Traumlandschaften entwirft. Manchmal ereignen sich geheimnisvolle Dinge, etwa, wenn der Ich-Erzähler in „Die Röhre“ glaubt, von der Kabine eines Lifts, in dem er sich befindet, „gestochen“ worden zu sein oder wenn es, wie in „Die Steinzeithütte“, plötzlich heißt, dass diese „vielleicht nicht einmal eine Ruine“ sei: „Vielleicht wurde hier noch gebaut.
Oder nicht einmal das.“
Mit solchen Finten will der Autor uns sanft auf die Unzuverlässigkeit unserer Wahrnehmung und unsere oft vorgestanzten Bilder von der Welt hinweisen. Anhand von Archetypen befragt Beck nicht zuletzt die Tauglichkeit unserer Begriffe, freilich anders, als es etwa die Philosophie tut. In der Erzählung „Das Haus“ führt das zu dem Schluss, dass das ideale Haus aus Licht sein müsste, eines, dem „kein Gewitter, keine Wurzel, keine Spinne mehr etwas anhaben könnten.“ Aber wie kühl die Texte dieses jungen Autors auch wirken mögen – man muss doch in jedem stets die Antithese mitlesen: Vielleicht ist uns am Ende ein von Sturmschäden gezeichnetes Haus lieber als ein lichtdurchflutetes Idealbild?
Der Wege sind viele, auch in diesen Geschichten, die selten etwas erklären, sondern dazu einladen, nach dem letzten gelesenen Wort alleine weiterzudenken. Dem Waldgänger in dem Text „Wege“, einem alter ego des Autors, geht schnell auf, dass jedes Tier im Wald seine eigenen Pfade hat, denn: „Kein Ort im Gebirge, der nicht ein Weg sein kann.“ Beinahe absurd mutet der Versuch des Wanderers an, diese ihm fremden Wege zu erkunden: „Ich versuchte die Vorstellung, ein anderer zu sein und andere Wege zu gehen, aber es gelang mir nicht, mich weiter als einen Schritt von meinen Wegen zu entfernen.“ Die Wege werden hier unausgesprochen zu Wesenheiten. Die Dinge sind bei Patrick Beck selten nur das, was, mit einem Wort Robert Musils, unsere „Glaubensgewissheiten“ uns einzugeben versuchen.
Es flockt, es rauscht, es sirrt, es flackert in diesen Geschichten, deren archaischer Ton vorgetäuscht ist, denn es geht um den Zustand unserer Welt. Sehr deutlich wird das in der kleinen Groteske „Der Anschluss“, in der eine „Navigator“ genannte Figur immer schon vorher weiß, was der Ich-Erzähler als nächstes tun wird. Die legendäre Nautilus des Kapitän Nemo kann man leicht als unseren blauen Planeten lesen, den es zu schützen und in seiner Rätselhaftigkeit zu bewahren gilt. Der an Paul Feyerabend und dessen Wissenschaftsskeptizimus geschulte Autor weiß, wovon er spricht.
Zum Ende des aus dreißig kurzen Texten bestehenden Bandes entwickelt sich die Sprache zunehmend zur knappen lyrischen Diktion hin. Das Irritierende dieser Stücke bleibt: Man weiß bei Patrick Beck nie, was man sieht, wenn man etwas sieht.
Ich
habe ein Haus aus Licht gebaut: Ein Buch für kurze Fluchten
Ralf Julke, L-IZ vom 04.01.2011
Ich habe ein Haus aus Licht gebaut.Foto: Ralf Julke"Wundersame Welten" verspricht der Klappentext. Die wundersamen Welten hat Patrick Beck im Kopf. Das, was manchen Leuten eher in den Morgenstunden passiert, wenn der letzte Traum von einem Flugzeugdonner überm Dach zerfetzt wird, das geschieht dem 35-Jährigen allerorten. "Träum nicht", sagt dann eine ordentliche Mutter zu ihren Kindern. Und reißt sie aus bunten Fantasiewelten. "Wo bist du nur wieder mit deinen Gedanken? Hier spielt die Musik", sagt der Vater, der so gern ein Kind hätte, dass nicht in Gedanken trödelt, nicht auf Heimwegen bummelt und nicht stundenlang in eine Welt abtaucht, in die verantwortungsbewusste Eltern keinen Schritt setzen würden. Wenn sie denn wüssten, wie man hinkommt.
Träumen ist eine Kunst. Und: Es ist eine einsame Kunst. Die Türen seitwärts aus dem Immerbereiten, die kennt nur jeder für sich. Mancher kennt sie gar nicht. Und ärgert sich, dass er da nicht mitkommen kann. "Wo bist du nur wieder mit deinen Gedanken!" heißt dann der Vorwurf. Ja, wo eigentlich, fragt sich der Träumer? Im ersten Text taucht der heute in Dresden lebende Beck mit der Nautilus ab, die ja früher einmal, als Jungen noch lasen in ihren Bücherecken, zum Pflichtreisemittel der Jugendzeit gehörte. Doch schon in diesem kleinen Text ändert sich das Objekt. Der neue Kapitän Nemo baut sein Unterwasserschiff immer wieder um aus den alten Teilen. Die Fantasiereise ist auch eine Reise durch die Zeit und das schon gelebte Leben. Die Nautilus von einst ist zwar irgendwie immer noch das gute alte Schiff, mit dem man auf Erkundung fährt, aber sie sieht nicht mehr so aus. Der Kapitän hat sie zu oft umgebaut, angepasst, ertüchtigt.
Jeder neue Ausflug ist ein Ausflug in eine veränderliche Welt. Die der Träumer tatkräftig selbst verändert - so wie den Pfad über die Berge, den er Jahr für Jahr verbreitert, abkürzt, untertunnelt. So, wie es Menschen auch sonst mit ihren Wegen machen: Wer will schon immer wieder über die Berge steigen, wenn er sich einen Tunnel gerade durchs Gestein hauen kann. Die Frage ist nur: Was lauert am Ende des Tunnels? Patrick Beck: Ich habe ein Haus aus Licht gebaut.Foto: Ralf JulkeOder: Was findet man in den Lücken einer Bibliothek? - Ganz von fern grüßt Xavier de Maistre mit seiner "Reise um mein Zimmer". Dazu braucht man Fantasie, wenn man seine Umwelt nur mit den Augen erkunden kann. Und dann macht man die Augen zu und macht einfach weiter und tauscht die Bücher aus und füllt die Lücken immer neu. Und am Ende hat man lauter Lückenfüller, die eine eigene Bibliothek mit Lücken ergeben. Fast wartet man jetzt auf eine Liste der fehlenden Bücher und ihrer Inhalte.
Man möchte zu gern wissen, was fehlt. - Und auch, was da ist. In "Der Anschluss" sucht Beck sich im Internet in der Suchmaschine. Mit Beethoven kann er nicht mithalten. Aber auch das ist ein Weg, einen neuen Raum zu betreten und sich selbst zu begegnen. Das Wörtchen "wir" kommt nur in einem Text tatsächlich vor. Lebensgefährten haben es ganz gewiss nicht leicht mit diesem Kopfreisenden. Bestimmt stehen sie oft genug in der Tür zum Träumer-Reise-Zimmer: Ist er nun da oder ist er unterwegs? Erkundet er gerade wieder so einen seltsamen, selbstgebauten Palast, in dem er Geheimtüren findet, die er gar nicht eingeplant hat? Schlägt er sich gerade mit Leuten herum, die sich in seinen Fantasiewelten so benehmen, wie hierzulande Präsidenten, Kanzler und Könige? Wie wird er sie wieder los?
Traumwelten haben so ihre Tücken: Was hier auftaucht, benimmt sich selten so, wie es der Schöpfer will. Es ist widerspenstig und verweigert sich der klaren Auflösung. Wer sich - vom dicken Flieger über der morgenmüden Stadt aufgeschreckt - an seine Träume erinnern kann, der weiß, welche wirren Enden im Kopf oft übrig bleiben. Logisch ist das nicht. Logisch sind auch Patrick Becks Bilder nicht. Die Orte verändern sich, während er sie schildert. So, wie es ja auch ist, wenn man so recht nachdenkt, mit dem eigenen Leben. Man läuft dieselben Pfade. Doch wenn man zurückdenkt, kann das nicht sein. Man hat die früheren Wege anders in Erinnerung. Man baut sich ein Haus. Und passt es an. Und doch wird es nie das richtige, perfekte, ganz und gar fertige Haus. Möglich, dass am Ende das Haus aus Licht das perfekte ist. Man kann es sich zumindest angucken.
Und dann? - Imaginäre Orte sind wesentlich dynamischer als die Orte diesseits
der Traumtüren. Manche Orte sind auch so, da möchte man den Träumer - ganz
wie Papa und Mama - an den Ohren schnappen: Genug geträumt. Das Essen steht
auf dem Tisch und wir sitzen alle in der Küche. Träumer haben es schwer.
Die anderen sind immer woanders. Träumen ist ein klein wenig egoistisch.
Deswegen kommt so selten ein wir drin vor. Es ist also ein Büchlein für
kleine Ausflüchte, wenn man sich ein wenig aus dem Küchentrubel absentieren
will in die Ecke mit dem Sessel und der Lampe. Und wenn dann jemand vorwurfsvoll
fragt: Wo bist du schon wieder? - Dann kann man zumindest das Büchlein vorweisen:
Es ist nicht so dick. Ich komme diese Woche noch zurück. Bis gleich.
Sächsisische Zeitung, 26. August 2009
