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Reinhard Bernhof
geb. 1940 in Breslau, Studium am Literatur-Institut „Johannes R. Becher“ in Leipzig, 1988/89 Herausgeber der illegalen Zeitschrift Umfeldblätter (Leipzig) zusammen mit Sylvia Kabus, 1989 Mitbegründer des Neuen Forums in Leipzig, Stipendiat des Deutschen Literaturfonds Darmstadt, Lehrtätigkeit am Grinnell-College in Iowa (USA), zwischendurch in der Wirtschaft und im Literaturbüro Leipzig e. V. tätig, lebt in Leipzig
Die Ameisenstraße. Erzählungen über Flucht und Vertreibung, Postreiter-Verlag Halle/S 1988, wurde mit dem Luchs 42 (Die ZEIT und Radio Bremen) ausgezeichnet.
Veröffentlichungen im Leipziger Literaturverlag
Umfeldblätter (hg. mit Sylvia Kabus), LLV 2009
Im Schatten der Kolossalfiguren (hg. mit Silke Brohm), LLV 2009
Stimmen zu den Umfeldblättern
Warum was für wen
von Bernd Heimberger, Neues Deutschland vom 6. 11.
2009
Das war was! Es war aufregend, sowas zu machen. Aufregend, sowas zu verbreiten.
Aufregend, sowas zu lesen. Die in den achtziger Jahren in der DDR vielerorts
auftauchenden unlizensierten Zeitschriften gingen von Gruppe zu Gruppe,
von Hand zu Hand. Nicht Machart war wichtig, der Inhalt wars. Im Schlußjahr
der DDR erschienen drei Ausgaben der „Umfeldblätter“ in Leipzig. Jetzt sind
sie wieder da. Jetzt, da die Alles-besser-wissenden Bücher zum Herbst 1989
wie Herbstblätter auf uns fallen. Wohltuend, daß da sowas wieder auftaucht.
Etwas, was keine Interpretation braucht und schon gar keine Rechtfertigung.
Die „Umfeldblätter“ sind eine Sammlung souveräner Stimmen aus der DDR, als
niemand an ihren baldigen Ausschluß aus der Geschichte dachte. Die Souveränität
der Schreiber erzeugt eine Hochstimmung beim Leser das Jahres 2009. Mancher
Gedanke aus der Vergangenheit ist in der Gegenwart angekommen. Das sollte,
vielleicht, doch etwas erschrecken.
Sich nicht verbergend, haben Reinhard Bernhof und Sylvia Kabus 1989 die
„Umfeldblätter“ herausgegeben und damit einiges riskiert.
Beiträger der Blätter waren vor allem Autoren aus dem leipzig-hallenser
Umfeld. Namen, die in der DDR Klang hatten, die in Deutschland nicht angekommen
sind. Sollte auch das erschrecken? Muß nicht sein! Doch nachdenklich könnte
das schon stimmen. Einerseits ein Reprint, ist die publizierte Edition mehr
als ein Reprint. Kabus und Bernhof informieren über ihr einstiges Engagement
und dessen Folgen. Einschließlich der Fäden – dafür gibt’s Dokumente – die
in den Schnüffelstuben der Staatssicherheit gezogen wurden. Davon zu lesen
heißt, nun mit Hochachtung auf die Herausgeber zu sehen. Ihr Gewissen machte
vor keiner Gefahr halt. Das gilt auch für die mitmachenden Autoren, die
mit möglichen Repressalien rechnen mußten. Das im Sinn, müssen die Schriften
gelesen werden. Texte, die nicht über die DDR hinaus wollten. Texte, die
etwas wollten. Zumindest ein Land, das ein anderes Land werden sollte. Das
war geistige Republikflucht, auf der Suche nach einer veränderbaren, veränderten
Republik. Nichts ist da Schmeichelei, die sich die Tagespresse täglich abpreßte.
Freier Geist äußerte sich unzensiert. Mit Wohlgefühl ist das auch heute
zu lesen. Die Substanz der Texte ist vor allem deshalb gegeben, weil die
Schreiber sehr genau wußten, warum sie was für wen schrieben. Ohne damit
aufzutrumpfen, waren sich die Autoren eines, ihres Auftrages bewußt. Und
im Zueinanderstehen, auch durch die Sammlung geeint, fühlten sich die Verfasser
stabiler und in ihrem Bewußtsein und Selbstbewußtsein gestärkt. Das alles
bekommt zu spüren, wer die wieder aufgelegten „“Umfeldblätter“ nicht links
liegen läßt. Unverfälschte Zeugen der Zeitgeschichte, die in die Zeit zeigen,
die wir jetzt haben.
Nachgedruckt:
Umfeldblätter, eine kleine Samisdat-Zeitschrift aus dem Leipzig der Jahre
1988/89
Ralf Julke, 21.10.2009. L-IZ
Der 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution kehrt so manches wieder an die Oberfläche, das zumeist in Archiven und Schubladen schlummert, weil es nicht so gut passt in das Bild der Revolution. Jedenfalls nicht in das eindimensionale, das zumeist angepriesen wird. Die "Umfeldblätter" sind dafür so ein Beispiel. Ein kleines, seinerzeit per Hand abgeptipptes und im Samisdat vertriebenes Beispiel, hergestellt von Leipziger Autoren, die in Zeiten, da im Lande längst heftig über politische Erstarrung und Umweltvergiftung debattiert wurde, gern öffentlich diskutieren wollten. So weit das möglich war. Und ein paar Briefe im Anhang des jetzt im Leipziger Literaturverlag erschienenen Sammelbandes belegen, dass einer wie der Leipziger Dichter Reinhard Bernhof (69) schon 1985 gern einen Sammelband zur Umweltproblematik in der DDR veranstaltet hätte. Und freundlich ließ ihn die Lektorin Sigrid Töpelmann aus dem Aufbau-Verlag wissen, dass man sich so viel Arbeit nun wirklich nicht machen wolle. Und da sich daran bis 1988 - dem "Sputnik"-Jahr - nichts änderte, initiierte Bernhof (später gemeinsam mit Sylvia Kabus) die "Umfeldblätter", die in einer (nicht genehmigungspflichtigen) Auflage von 99 Exemplaren erschienen und eine geballte Ladung von Gedichten vor allem Leipziger Dichter zum Thema Umweltverschmutzung enthielten. Nicht zu vergessen eine Todesanzeige für den Wald. Und da die Autoren wie Thomas Böhme, Dieter Mucke oder Kristian Pech diesmal kein Blatt vor den Mund nahmen und ziemlich deutlich ihre Frustration spüren ließen über vergiftete Flüsse, kranke Kinder, verheerte Landschaften, geriet das Projekt natürlich auch in den Fokus des Geheimdienstes.
Also taucht im Anhang auch ein wenig Material aus den Stasi-Akten auf, in denen man einen alten Bekannten wiederfindet: IMS "Ernst Zirkel". War das nicht der? - Na klar: Das war der Bursche aus Bernhofs skurrilem Stück "Die Sitzer". Den gab's also wirklich. Und es reichte tatsächlich, Themen, die wie der rieselnde Ruß allzu offenkundig waren, in einem literarischem Blatt zu thematisieren, und die Genossen von"Horch & Guck" standen auf der Matte, ließen sich für 20 Mark der DDR ein Heft besorgen - und taten dennoch nichts. Was auch? Am Ende hätten sie das ganze Volk wegen Subversion einsperren müssen. Und so erschien 1989 "Umfeldblätter" Nummer 2, schon gar nicht mehr nur auf Umwelt fokussiert. Jetzt rückte auch die langsam verfallende Stadt ins Bild, die falschen Glücksverheißungen der Zeitung und - na hoppla: der "Geheimnisträger". Natürlich bei Bernhof, während Sylvia Kabus die soziale Katastrophensituation in einer Geschichte beschreibt.
Da sitzen sie nun, schauen sich gegenseitig ins Fenster, kommen sich näher,
als es der Eine anfangs will ...
Die dritte Ausgabe der "Umfeldblätter" erschien dann schon im
Herbst 1989 - wesentlich dicker und mit aktuellen Texten zu den Ereignissen
etwa am 7. Oktober 1989 oder einer Rede, die Winfried Völlger schon im Mai
über die "Maßlose Gesellschaft" hielt - oder besser das, was entsteht,
wenn eine Gesellschaft von Bürokratie, "Beziehungen" und Schlendrian
geprägt wird. Eine Rede, die irgendwie schon wieder höchst aktuell klingt.
"...wenn die Gesellschaft immer weniger ihren sozialen Aufgaben gerecht
wird, wenn also der Einzelne auch weiterhin immer häufiger auf sich selbst
zurückgeworfen wird - dann droht die totale Vereinzelung. Das aber würde
das Ende bedeuten, die Auflösung dieser Gesellschaft." So hat man bei
den Texten, die im ersten Heft der "Umfeldblätter" noch allesamt
wie die Beschreibung einer Dystopie wirken, im Jahr 1989 immer spürbarer
das Gefühl, dass da nicht nur die alte, gescheiterte Gesellschaft beschrieben
wird, sondern schon die Kinderkrankheiten der neuen alten Gesellschaft.
Der Leipziger Literaturverlag hat alle drei Ausgaben der "Umfeldblätter" jetzt gebündelt als Broschur im A4-Format vorgelegt, ergänzt um Textdokumente aus dem Umfeld der Blätter. Ein Zeitdokument, das auch ein wenig die pessimistische Stimmung wieder aufleben lässt, die die letzten Jahre der DDR dominierte - und die zunehmend mutigere Renitenz der Autoren, die durchaus gewillt waren, Wirklichkeit zu beschreiben. Auch wenn ihre Bücher auf den Tischen der Genehmigungsinstanzen schmorten. - Die "Umfeldblätter" sind ein kleiner, aber wichtiger Aspekt all der kleinen Rinnsale und Bäche, die in den Herbst 1989 mündeten.
Weitere Veröffentlichungen (Auswahl)
Was weiß ich, Spanien ist viel mehr ..., 1974; Landwechsel, 1977; Der Angriff des Efeus, 1982; Leipzig, Hauptbahnhof, 1986; Tägliches Utopia, 1987; Der Siegersturz, Poem, Pirckheimer-Gesellschaft Leipzig 1991; Stechapfel 30. Gedichte, Leipzig 1995; Liebesfische. Gedichte, Aschersleben 2003; Interzonenzug I & II. Erzählungen, Halle/S. 2003; Die Leipziger Protokolle. Erzählungen, Essays zur Leipziger Revolution 89, Halle/S. 2004; Lockerlangbarts Geheimnis. Märchen aus der Gegenwart für Kinder und Erwachsene, Halle/S. 2004; Pelop und der treue Delphin. Märchen, Halle/S. 2004; Wegen Schweigens zeige ich mich an. Die verbotenen Texte, Lyrik und Prosa, 1976-1992, Halle/S. 2005; Die große goldene Weltzeituhr. Bilderbuch, Halle/S. 2005
