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Gesche Blume
geb. 1967 in Wolfenbüttel, Studium der Literaturwissenschaften in Hannover, Marburg und London, Promotion über Irmgard Keun, studierte am Deutschen Literaturinstitut, lebt in Leipzig
Veröffentlichungen (Auswahl)
Lilith im blauen Kleid. Erzählungen, mit Zeichnungen von Anna H. Frauendorf, ERATA 2006; Beiträge für INSKRIPTIONEN No. 1, ERATA 2008; Untemperiert. Hörbuch, Gesprochen von der Autorin, ERATA 2009
Stimmen zu den Texten
"Die Prosa von Gesche Blume hat etwas Lyrisches, zugleich philosophisch Tastendes. Ein weites Feld für Assoziationen wird aufgeschlagen und vieles bleibt schwebend. Gerade für die kurze Prosaform ein sehr geeigneter Stil." Constanze John
Untemperiert:
Eine Stunde Gesche Blume zum Zuhören
Ralf Julke, 25.05.2009
In seiner Reihe "Autorenstimmen" hat der Erata Literaturverlag in diesem Frühjahr auch ein Hörbuch mit Prosatexten von Gesche Blume veröffentlicht. Sozusagen als Ergänzung für alle, die Gesche Blume nicht nur gedruckt haben möchten.
Die junge Dame, geboren 1967 in Wolfenbüttel liest selbst. Man kann sich also zurücklehnen und eintauchen ins Hören, sollte freilich vermeiden, das beim Autofahren oder im lauten Café zu tun. Auch wenn ein Café durchaus der richtige Ort dafür wäre. Samt Kännchenklappern, emsig klirrenden Kuchengabeln, dem Zischen der Espressomaschine und dem genussvollen Paffen junger Gazellen ... Na gut: Letzteres ist nicht mehr erlaubt. Da hat sich was geändert zur schönen Café-Welt der verruchten 1920er Jahre. Aber die Atmosphäre würde schon passen.
Die Texte, die Gesche Blume liest, stammen aus den beiden ebenfalls bei Erata erschienenen Büchern "Lilith im blauen Kleid" (2006) und "Inskriptionen No. 1" (2008). Was natürlich spätestens auffällt, wenn die junge Dame namens Lilith des öfteren auftaucht in einer Geschichte, die selbst wieder mit zeitlichen Irritationen spielt, nicht nur im Bezug auf das Künstlermilieu, in dem auch das Leben als nacktes Modell in kalten Künstlerateliers nicht unbedingt ein Gesundes ist. Auch in den Zitaten, mit denen die Autorin spielt und ein wenig ihre Liebe zum Künstlerbild des frühen 20. Jahrhunderts anklingen lässt. Da kommt natürlich die Literaturwissenschaftlerin durch, die in Hannover, Marburg und London studiert hat und ihre Promotion über Irmgard Keun geschrieben hat, bevor sie nach Leipzig kam, um hier am Deutschen Literaturinstitut zu studieren – und dazubleiben in dieser netten kleinen Stadt mit den hübschen Cafés.
Und so ist denn auch ihr Erzählen geprägt von dem ein oder anderen Autoren des frühen 20. Jahrhunderts, leicht unterkühlt, distanziert und trotzdem einfühlsam ihren Gestalten folgend, unterlegt mit beinah melancholischem Humor. Und so taucht als Bild nicht nur Venedig auf, wo selbst der Tod nach Thomas Mann in einer unvergleichbaren Atmosphäre stattfindet. Es klingen auch die Motive des Künstlerlebens auf, wie sie einst im Begriff der Bohème schillerten – von de Liebhaberei zur Poesie bis hin zum hundearmen Dasein des Künstlers. Alles wie hingetupft, skizzenhaft, fast verträumt.
Noch verspielter sind die kurzen Prosastücke aus "Inskriptionen No. 1". Das ja auch nur wieder eine Auslese ist aus Texten, die zuvor als literarische Blog-Eintrag auf der ebenfalls untzer der Obhut von Erata betriebenen Website inskriptionen.de ist, wo Autorinen und Autoren mit unterschiedlichster Ambition seit April 2007 ihre Texte, Skizzen, Verse, Fragmente veröffentlichen – abseits vom Mainstream, was schon eine Menge heißt in einer Zeit, in der selbst die Mainstream-Moden wechseln wie die Saisonfarben. Und der Held des gestrigen Tages heute schon in den Grabbelkisten liegt und morgen in der Jury zum zum 96. Nachwuchspreis von Dingsda sitzt.
Da fehlt dann oft die ruhigere Stimme, die Strömung, in der sich Autorenstimmen verstärken und Diskurse wieder möglich sind. Denn der erwähnte Mainstream ist ja nicht wirklich ein Strom. Eher ein großes Kaufhaus, in dem eine Sonderverkaufsaktion die nächste ablöst. Sehr zum Erschrecken von vielen Autoren, die sich wirklich Mühe gegeben haben, über den eiligen Tag hinaus zu schreiben. Sie haben noch nicht einmal Tantiemen kassiert, da taucht ihr schwer erarbeitetes Buch in den Billigverkäufen auf.
Auch das entwertet - nicht nur Bücher, sondern auch Autoren. Und es drängt die wirklich Nachdenklichen beiseite. Wen sie Glück haben: in Nischen. Oder in kleine Verlage wie Erata. Der dann auch Hörbücher produziert, auf denen ein nachdenklicherer Ton zu hören ist, ein zurückhaltendes Erzählen, bei dem man dann lieber noch ein paar Mal die Espresso-Maschine zischen lässt und zufrieden weiter hört. 60 Minuten in diesem Fall. Wer mehr über Lilith erfahren will, kann sich ja das Buch besorgen.
