![]()
Nina Chabias (Komarowa-Obolenskaja)
geb. 1892, Mitglied im Allrussischen Dichterverband SOPO, 1922 Beschlagnahmung ihres in wenigen Exemplaren veröffentlichten Gedichtbandes “Stichetty“ (Versette), in den 30er Jahren mehrmals verhaftet und verbannt, starb Anfang der 40er Jahre an unbekanntem Ort
Veröffentlichungen in deutscher Sprache
Guttapercha des gänsehäutigen Gehänges. Gedichte aus dem Russischen von Henrike Schmidt, mit Graphiken von Djoma Djumabaeva, ERATA 2008
Die Legende kürte Nina Chabias zur Dichterin der Moskauer Kutscher, die
ihre Verse angeblich hinter heruntergelassenem Verdeck lasen. Mit brutaler
Offenherzigkeit schildert sie körperliche Liebe aus weiblicher Perspektive:
die Lust an der Unterdrückung, an der halluzinatorischen Droge Sex. Diese
Entschleierung schreckt vor einer Entlarvung des Sexuellen in den weltanschaulichen
Systemen – des Christentums wie des Kommunismus – nicht zurück. Der religiöse
Charakter der Sexualität und das sexuelle Erregungsmoment des Religiösen
werden aufeinander projiziert in Versen erduldeter Gewalt und Ekstase. Chabias
operiert mit einer durch die politischen Katastrophen verstümmelten, zerrissenen
Sprache, die das Universale, “Transrationale“ anstrebt. Mitunter den Verfechtern
einer gegenstandslosen Kunst, den Bespredmetniki, zugeordnet, bewegen sich
die Gedichte der Chabias doch um den einen, unausweichlichen Gegenstand:
den menschlichen Körper.
Stimmen zum Buch:
Selbst Kennern der russischen Lyrik sind Name und Werk der Dichterin Nina
Chabias (1892–1943) wenig vertraut. In Russland erschien erst 1997 eine
repräsentative Sammlung ihrer Gedichte. Als Nina Komarova in einer Moskauer
Adelsfamilie geboren, absolvierte sie das Smol’nyj-Institut, eine höhere
Bildungseinrichtung für adlige Töchter, war während der Bürgerkriegsjahre
1918/19 in Sibirien und tauchte 1920 wieder in Moskau auf, wo sie als Nina
Chabias in literarischen Kreisen auftrat. Mit ihren vor Erotik knisternden
Versen handelte sie
sich den Spitznamen „Gräfin Pochabias“ (Schamlos) ein. Sie heiratete mehrere
Male und lebte mit dem Imaginisten Ivan Gruzinov in wilder Ehe. Er veröffentlichte
ohne Genehmigung der Zensur 1922 im Selbstverlag ihre Versette. Beide kamen
für zwei Monate ins Gefängnis, weil ihre Verse als obszön und pornografisch
galten. 1924 und 1928 erneut kurzfristig inhaftiert, wurde Nina Chabias
1937 wegen „antisowjetischer Agitation“ in ein Arbeitslager gesteckt. Die
radikalen Futuristen David Burljuk und Aleksej Kručёnych waren die Lehrer
der Dichterin, die Verfahren der Futuristen und Imaginisten aufgreift, einerseits
die innovative, häufig
transrationale Wortschöpfung durch Zusammenfügen, Auseinanderreißen und
Verschieben,
andererseits das Aneinanderreihen von Bildern unter Verletzung der syntaktischen
Norm. Viele Gedichte des Bandes Guttapercha des gänsehäutigen Gehänges zeigen,
dass die Chabias Profanes und Religiöses, Körperliches und Geistiges ohne
jede Hemmschwelle verbindet. Sie entdeckt die sexuellen Erregungsmomente
der Religion und den religiösen Charakter der Sexualität. Sie bietet ihren
Körper mit allen Formen und Falten dar – Rücken und Schultern, Haut und
Haar, die Knie, die Finger, die Brüste, die Hüften, den Mund und die Scham:
An mir sind alle Stellen geküsst Gerupft die Kugel des Bauchs Wie beim Rennen
die Zunge herausspringen über Hürden Zähne Oh huldigt mir, Volkskommissare,
Priester und Schimpanse Ich bin die ruhmreichste aller Poetessinnen Schafrana
Chebeb Chabias. Durch die erotisierte Körpersprache inszeniert sie sich
als eine Frau, in der sich sexuelle Lust und Gottesliebe, Sündhaftigkeit
und Reinheit der Seele verbinden, die ihre Jugend genießt und vor dem Altern
nicht zurückschreckt. Henrike Schmidt, Herausgeberin und Übersetzerin der
ersten deutschsprachigen Chabias-Ausgabe, hat es verstanden, die verschobene
und agrammatikalische Syntax sowie die klangliche Gestaltung durch Alliterationen
und Assonanzen, die für diese Lyrik maßgeblich sind, stimmig wiederzugeben.
Karlheinz Kasper, Osteuropa, 1-2008
Die Lyrik der russischen Avantgardedichterin Nina Chabias lässt eine Welt im Taumel sinnlichen Empfindens und Erleidens entstehen, in der Lust und Schmerz, Erotik und Glaube miteinander verschmelzen ... Nina Chabias’ „Gesamtwerk“, das durch Guttapercha des gänsehäutigen Gehänges wohl vollständig zugänglich gemacht worden sein dürfte, ist entsprechend der kurzen Schaffensperiode der Dichterin wenig umfangreich. Im Zentrum ihres Schaffens steht ein ausgeprägtes Interesse für alles Körperliche: selbst in den Gedichten, die nicht direkt dem Eros gewidmet sind, sticht die Faszination der Chabias für den weiblichen Körper im Brennpunkt sinnlichen Erlebens und Erleidens ins Auge. Körperbilder und körperliches Erleben strukturieren sowohl religiöse, wie alltägliche Themen, Gedichte mit biblischen Reminiszenzen, wie solche, die von herrenlosen Hunden oder trächtigen Katzen handeln. Zwar sind, mit Ausnahme der durch die Kubo-Futuristen hochgeschätzten Verschiebungen, die sprachlichen Mittel und die Symbolik, die die Gedichte gestalten, eher traditionell (Nina Chabias arbeitet vor allem mit die Inkongruenz ihrer Grammatik kontrastierenden Alliterationen und Assonanzen), die Schonungslosigkeit jedoch, mit der die Dichterin eine vor geschundenen Körpern geradezu wuchernde Welt entblößt, entspricht, ebenso wie ihre provokante Lebenshaltung, den revolutionären Ansprüchen jener Generation von Schriftstellern, die zu Beginn der 20er Jahre das Gesicht der russischen Avantgarde prägten. Anne Krier, novinki 27. 2. 2008
Имя Нины Хабиас до недавнего времени было, пожалуй, самым загадочным и одновременно скандальным именем в русской литературе первой половины XX века.
Скандальная слава поэтессы в литературных кругах 20-х годов, затем полное забвение и лишь отголоски этой славы впоследствии в мемуарной литературе. Наконец попытка восстановления имени и текстов в 90-е годы, увенчанная блистательным исследованием биографии поэтессы, проведенным В. Нехотиным и опубликованным полностью в 1997 году в книге Нины Оболенской (Хабиас) «Собрание стихотворений» (Москва: Совпадение, 1997, издание подготовили А. Ю. Галушкин и В. В. Нехотин). Это исследование можно назвать на самом деле расследованием. В результате которого мы узнали, наконец, подлинную историю Нины Петровны Комаровой (таково настоящее имя Хабиас), происходившей из выдающегося российского семейства, к которому принадлежали видные военные, писательница Ольга Форш, философ и богослов Павел Флоренский, ученый, президент Академии наук СССР В. Л. Комаров...
Поскольку поэтесса в том числе дружила и с заумью, а своими учителями считала
Давида Бурлюка и Алексея Кручёных, книга, разумеется, попала в поле зрения
Академии Зауми. Президент АЗ Сергей Бирюков предложил немецкой славистке
и члену Академии Энрике Шмидт перевести книгу на немецкий. Переводчица и
исследовательница работала несколько лет. И вот книга вышла в лейпцигском
издательстве «Ерата» на русском и немецком, предисловие написал Сергей Бирюков,
а Энрике Шмидт снабдила свои переводы тщательными комментариями и послесловием.
Стихи Хабиас непросты для восприятия. И очень трудны для перевода. Тем более
значительным и интересным представляется опыт переводчицы, которая увлеклась
творчеством Хабиас настолько, что смогла вжиться в ее творчество и найти
возможности немецкого языка для передачи поэтического акта русской поэтессы.
В этом Энрике Шмидт помогло и ее глубокое знание русского авангарда, исследованием
которого она плодотворно занимается. Безусловны также личное поэтическое
одушевление переводчицы и высоко развитая восприимчивость к авангардному
письму.
Приятно отметить, что ряд русского поэтического авангарда на немецком, представленный
именами Елены Гуро, Велимира Хлебникова, Владимира Маяковского, Давида Бурлюка,
Алексея Кручёных, Василия Каменского, Даниила Хармса, пополнится именем
Хабиас.
Следует добавить, что книга прекрасно проиллюстрирована петербургской художницей Джамаль Джумабаевой. В марте книга была представлена на знаменитой Лейпцигской книжной ярмарке, а выставка графики Джамаль прошла в галерее «Ерата». Таким образом стихи Хабиас, которым долгое время отказывали в культурности, называя Хабиас «поэтессой для московских извозчиков», вызвали к жизни целую серию культурных действий!
Сергей МАЕВСКИЙ, «Дети Ра», № 5 (43), 2008
