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Miloš Crnjanski

geb. 1893 in Csongrad (Ungarn), studierte Philosophie und Kunstgeschichte in Wien, Belgrad und Paris, erzwungenermaßen k.u.k. Offizier im ersten Weltkrieg, Anarchist und Sozialist, zahlreiche Romane, Reisebeschreibungen, Dramen und Essays, übersetzte klassische chinesische und japanische Lyrik, Verfilmung des Romans Seobe durch Aleksandar Petrovic, gründete 1922 verschiedene Zeitschriften, u.a. Puteve (Wege) mit M. Ristic, ab 1928 Kulturattachè in Berlin, Rom und Lissabon für das Königreich Jugoslawien, 1934 Herausgabe von Ideje (Ideen), Emigration nach London, 1965 Rückkehr nach Belgrad, höchste Auszeichnungen, starb 1977 in Belgrad

Veröffentlichungen in deutscher Sprache

Ithaka. Gedichte, zweisprachig, aus dem Serbischen von Viktor Kalinke & Stevan Tontic, LLV 2008; Ithaka- Hörbuch, gesprochen von Miloš Crnjanski und Viktor Kalinke, LLV 2009

Miloš Crnjanski zählt zu den herausragenden Autoren der serbischen Avantgarde. Ihm ist es gelungen, die Schlachtfelder des ersten Weltkriegs zu überleben und eine Zuflucht zu suchen in imaginären Welten.
Seine poetische Prosa hat die moderne serbische Literatursprache geradezu erschaffen. Die Ursprünge Crnjanskis liegen jedoch in der Lyrik.
Ithaka ist kein harmloses Gedichtbändchen für den Nachttisch. Ithaka ist die grausame Abrechnung mit dem alten Mitteleuropa der k.u.k. Monarchie und in seiner sarkastisch-pazifistischen Haltung aktueller denn je zum Verständnis der fortwährenden Konflikte auf dem Balkan. Crnjanski bricht sowohl mit den Großmachtträumen Serbiens, die sich auf Zar Dušan und das Amselfeld berufen, als auch mit dem verlogenen Humanismus der Westmächte.

1967, acht Jahre nach Erscheinen des Originals, publizierte der Suhrkamp-Verlag Peter Urbans Übersetzung der Kommentare zu Ithaka, die Crnjanski zu seinen Gedichten schrieb. Der im Jahr 1919 in Belgrad für Aufruhr sorgende Gedichtband selbst blieb dem deutschsprachigen Publikum bislang vorenthalten – eine absurde Editionsgeschichte, die mit der vorliegenden Ausgabe endlich ihren Abschluß findet. Ist expressionistische Lyrik mit pazifistischer Botschaft – in der Kalkulation der einschlägigen Verlage – nicht mehr “angesagt”?
Paßt sie nicht ins gängige Feindbild vom “bösen Serbien”?

 

Stimmen zum Buch und zum Hörbuch

"Mit dem vorliegenden Band ist ein Lyriker von europäischem Rang nun auch für das deutschsprachige Publikum greifbar." Neue Zürcher Zeitung

"Ganz in der Hoffnung, das hingeschleuderte Wort hätte die Kraft zur Beschwörung" LIZzy

“Die wahrhaft monumentalen Stoffe stehen nicht im Widerspruch zur Leichtigkeit und smaragdenen Transparenz der Sprache, aus der diese Gedichte gebaut sind.“ Marko Ristic

“Miloš Crnjanski gehört - mit Ivo Andric und Miroslaw Krleža - zum Dreigestirn der jugoslawischen Klassiker der Moderne ...“ Ilma Rakusa

“Mit diesem Band revolutionierte Crnjanski die serbische Lyrik: Er stellte die Metrik zurück, Intonation und Syntax sind ihm wichtig. Die Sätze gehen fließend von Lyrik in Prosa über.” Novica Petkovic

Rezensionen

Ithaka: Lyrik aus Serbien – drei Kriege alt

von Ralf Julke, LIZzy vom 4. 3. 3009

Schreib nie für die Zeit, könnte man Dichtern mit auf den Weg geben. Aber manchmal können sie nicht anders. Und ihre Gedichte werden zu Zeugnissen einer Epoche. Spannend wird's, wenn man solche Epochenzeugnisse übersetzt. Etwa aus dem Serbischen ins Deutsche. Wie es Viktor Kalinke jetzt tat mit Gedichten vom Miloš Crnjanski ... Sein lyrischer Ton erinnert sehr an den jungen, herausfordernden Ton, den junge Dichter auch in anderen Ländern der Zeit anschlugen – er ist pathetisch, elegisch, anklagend, fordernd. So, wie man eben Manifeste schreibt und die ganze Welt herausfordert. So, wie man die Gräuel des letzten Krieges mit blutigen Buchstaben an Hauswände malt – um den nächsten zu verhindern. Das klingt durch in Crnjanskis Versen, trotzig hineingerufen in die gebirgigen Landschaften des Balkan. Sein Ton hat etwas von einer Predigt. Auch das kennt man: die Beschwörung de Zeit. Als wären blinde Mächte zu bändigen, zum Einhalten zu bewegen, wenn man ihnen nur all ihre Verbrechen vorwirft und ihnen entgegen brüllt: Mit mir nicht! – Um gleichzeitig andere Zeiten zu beschwören. Ganz in der Hoffnung, das hingeschleuderte Wort hätte die Kraft zur Beschwörung ... Neben den eingesprochenen Texten enthält die CD auch einen elfminütigen Clip mit schwarz-weißen Filmaufnahmen aus dem ersten Weltkrieg, unterlegt mit leichter Musik und Crnjanski-Gedichten. Leitthema: Ithaka. – Wer sich erinnert: Es ist die Heimatinsel des Odysseus, auf der ihn niemand wiedererkennt, als er nach 20-jähriger Irrfahrt und den Kriegserlebnissen vor Troja heimkehrt – ein Fremder im eigenen Haus. Symbol für den wurzel- und heimatlos gewordenen Krieger, der in fremder Kriegsherren Dienst das Grauen der Schlacht erlebt hat, die Verwüstung der Welt, das Sterben und Töten als alltägliches Werk.Die Filmbilder machen schon nachdenklich. Man wartet beinah darauf, dass die Szenerie wechselt zu den Ruinen des 2. Weltkrieges und den Schlachtfeldern und Toten der jüngsten Balkankriege. Doch am Ende sieht man Crnjanski selbst in fröhlicher Runde mit Sektglas. Ein Prosit in sichtlich friedlicher Zeit. Ein echtes Happyend – das wirkt wie falsche Propaganda, wenn man weiß, dass das nächste große Schlachten noch ausstand.

 

Sirenengesänge der Provokation
Miloš Crnjanskis legendäre «Ithaka»-Gedichte

von Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung vom 20.05.2008

Immer von neuem muss an ihn erinnert werden, an den neben Ivo Andri und Miroslav Krlea dritten grossen modernen Klassiker des alten Jugoslawien: Miloš Crnjanski (1893–1977). Es ist um Crnjanski im deutschsprachigen Raum – trotz mehreren Übersetzungen – seltsam still geblieben. Dabei hat er mit seinem autobiografisch grundierten «Tagebuch über arnojevi» (1921, dt. 1993) einen der schockierendsten und lyrischsten Texte über den Ersten Weltkrieg vorgelegt und mit seinem Romanepos «Wanderungen» (1927–1962, dt. «Bora», 1988) ein Opus magnum über die Geschichte der Serben unter Kaiserin Maria Theresia, dessen Lektüre manche heutigen Konflikte zu erhellen vermag. Indes wird Miloš Crnjanski ignoriert, und man mag sich fragen, warum.

Nicht zu leugnen ist, dass Crnjanskis Biografie viele Brüche und Widersprüche aufweist, was sich auch in seinem Werk widerspiegelt. 1893 als Sohn eines serbischen Beamten im ungarischen Csongrád geboren, absolvierte er das Gymnasium in Temesvár und ging 1913 zum Studium nach Wien. Doch bereits 1914 steht er als Infanterist des 29. k. u. k. Regiments an der galizischen Front – in den Kampf gegen seine eigenen Landsleute verwickelt. Während die meisten seiner Regimentskameraden fallen, gelingt es ihm dank glücklichen Zufällen, dem Inferno zu entkommen – zuerst nach Wien, dann als Telefonist nach Szeged.

Schwer traumatisiert
Crnjanski überlebt den Krieg unverwundet, doch im Innern schwer traumatisiert. Als seine «Ithaka»-Gedichte (1919) und das «Tagebuch über arnojevi» (1921) erscheinen, lebt er als linker Rebell in Belgrad, zieht aber bald weiter nach Paris, Rom und Florenz. Ab 1928 finden wir Crnjanski als Kulturattaché der Botschaft des Königreichs Jugoslawien in Berlin, später in Rom und Lissabon. Nicht erst als Frontberichterstatter des Spanischen Bürgerkriegs in Francos Hauptquartier vollzieht Crnjanski die Kehrtwendung vom Pazifisten bzw. Sozialisten zum politischen Reaktionär. 1941 schliesst er sich der jugoslawischen Exilregierung in London an, wo er ab 1945 als Emigrant in äusserster Armut lebt. Obwohl seine Werke im Tito-Staat seit Mitte der fünfziger Jahre erscheinen können, entschliesst sich Crnjanski erst 1965 zur Rückkehr nach Belgrad. Er wird gefeiert, wird für seinen historischen Roman «Wanderungen» mit dem höchsten jugoslawischen Literaturpreis Nin ausgezeichnet, aber ein Gefühl der Zugehörigkeit will sich nicht einstellen. Crnjanski bleibt der Unruhige und Zerrissene, der er seit dem Kriegstrauma war. 1977 nimmt er sich in Belgrad das Leben.

Unter bewegten Umständen schuf Crnjanski ein vielseitiges Werk, bestehend aus Gedichten, Romanen, Reisebeschreibungen, Essays, historischen Dramen und autobiografischen Aufzeichnungen. Zu Letzteren gehören die lebens- und werkgeschichtlich höchst aufschlussreichen «Kommentare zu <Ithaka>» (1959, dt. 1967), die nicht zuletzt die Entstehung des Frühwerks, insbesondere des Lyrikbandes «Ithaka» beleuchten. «Ithaka» liegt nun seit kurzem auch auf Deutsch vor – ein Anlass, diese ausserordentlichen Gedichte und ihren Autor zu würdigen.

Es spricht – stellvertretend für eine lost generation – das Ich eines traumatisierten Kriegsheimkehrers und modernen Odysseus: aufmüpfig, anarchisch, widersprüchlich, elegisch, provokativ. Und dies in Hymnen und Grotesken, in Trinksprüchen und Scherzen, in Galgen-, Schlaf- und Soldatenliedern. Basso continuo ist der Krieg mit seinen Folgen: Wut, Trauer, Ekel, Sinnlosigkeit. «Nichts haben wir, keinen Gott, keinen Herrn. / Unser Gott ist das Blut», heisst es, oder sarkastisch: «Es geht uns gut.» «Das Schönste ist nicht: die Liebe, / sondern für ein bisschen Sonne zu töten und früh zu sterben.» Miloš Crnjanski gibt einen defaitistischen poète maudit, wenn er ausruft: «Sei gegrüsst, Welt, blass wie ein Wintertag, / ängstlich taub. (. . .) / Für unsere Herzen ist nichts genug. / Für unsere Herzen ist alles Betrug. / Solang noch einer von uns atmet dieser Erde Luft: / verströme kein Garten seinen Duft. (. . .) / Wir sind für den Tod!»

Schönheit und Schrecken
Allerdings gebärdet sich Miloš Crnjanskis Expressionismus weder bellizistisch noch Bennsch, sondern ist von einer tiefen Melancholie überschattet, die das Schreckliche in verführerisch schöne Melodien und Rhythmen bannt. Nicht zufällig heissen viele der «Ithaka»-Gedichte Lieder und klingen mit ihren Refrains und (Binnen-)Reimen, ihren Assonanzen und beweglichen freien Versen wie Wortmusik. Crnjanskis künstlerische Neuerung besteht in lexikalischer Kargheit und syntaktischer Schlichtheit bei einem Maximum an Klang. Hier gilt nicht Nietzsches «Cave musicam!», vielmehr scheint es, als gehe Crnjanski das Wagnis rebellischer, unverblümt direkter Aussagen nur ein, indem er sein ironisches Anti-Kriegs-Pathos melodisch abfedert. So ist der Crnjanski-Ton bitter und süss, schneidend und weich, skandalös oxymoronisch: «. . . Vater unser, / besser als ein Engel ist dein Sohn, / aber niemandem kann er helfen. / Er liebt die Lumpen wie die goldene Krone, / sein Lächeln stiftet mehr Verwirrung / als das Frühjahr und die Mütter. // Vater unser, / aber dein Sohn, er hat nicht mehr die Macht, / wenn er im Stall verbringt die Nacht, / auf etwas Tod zu hoffen» («Gebet»).

Es gibt bei Miloš Crnjanski Karnevalistisches und Halluzinatorisches, Verzweiflung und Sehnsucht («es wird genügen, wenn eines Winters / aus einem schneeverwehten Garten / fröstelnd ein fremdes Kind eilt / und mich umarmt») – und die Trance der Versmusik. Als Leser gehorcht man dem Sog dieser Verführung, die sich ebenso als Sprengstoff wie als Läuterung erweist.

Im Deutschen will der Zauber allerdings so ganz nicht gelingen. Viktor Kalinke, der die Gedichte nach Interlinearversionen von Stevan Tontic und Cornelia Marks übersetzt hat, trifft den Ton zwar mehrheitlich gut, vertut sich aber in vielen Details. Wenn dem Reim zuliebe Verachtung zu Vorurteil, Stein zu Ungeheuer wird, wenn sich galizische Föhren in mediterrane Pinien und Mundwinkel in «Klippen um die Lippen» verwandeln, entstehen Schieflagen, ja mehr noch: Missverständnisse. Oft werden naheliegende Lösungen zugunsten von umständlichen verworfen; Crnjanskis bestechende Direktheit erleidet beim Transfer nicht selten bedauerliche Einbussen. Dass die Aufgabe keine leichte war, ist Tatsache. Und dass sie endlich in Angriff genommen wurde, auf jeden Fall dankenswert. Zu entdecken ist ein Dichter von europäischem Rang.

Miloš Crnjanski: Ithaka. Gedichte. Aus dem Serbischen von Viktor Kalinke, nach Vorlagen von Stevan Tontic und Cornelia Marks. ERATA 2008, 214 S.


 

 

Textprobe
aus: Ithaka

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Stevan Tontic über die Arbeit am Buch