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Michael Goller

1974 am 12. Februar in Karl-Marx-Stadt geboren. 1995-2000 Medienstudium Hochschule Mittweida.
2003-2007 Künstlerinitiative Malfront. 2003-2008 Künstlergruppe Querschlag.


Veröffentlichungen (Auswahl)

Labyrationen. Bilder und Gedichte, mit Mike Wassermann, LLV 2003

Das Malbuch. art fiction, mit Peter Piechaczyk, LLV2006

Konkretes Vergessen, Gedichte & Zeichnungen, mit Mike Wassermann, LLV 2009

Michael Goller & Peter Piek: Die Puppenspieler, LLV 2011

Stimmen

Goller und Piek erzählen fast verräterische Geschichten: Die Puppenspieler
Ralf Julke, L-IZ vom 09.12.2011

Man hat's ja nicht leicht als Künstler. Als junger zumal. Und erst recht in der Ausbildung. Und mit 37 und 30 Jahren gehören Michael Goller und Peter Piek noch zu den jungen. Beide sind gebürtige Gorl-Morx-Städter. Heute heißt das Städtchen Chemnitz. Ihr Taschen-Dialog läuft unter der Kategorie "art fiction".

Ist natürlich keine eigene literarische Kategorie. Wird auch nicht gelehrt. Nicht an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig, wo Peter Peik seit 2002 studiert, auch nicht in Mittweida, wo Michael Goller ein Medienstudium absolviert hat. 2003 taten sich die beiden zusammen und gründeten die Künstlerinitiative Malfront. "Um die Malerei zu 'entschütten'", wie es auf der Website der Malfront heißt. Parallel gründeten sie mit Dirk Hanus und Michael Knauth auch noch die Künstlergruppe Querschlag. Auch diese Gruppe als politisches Kontra verstanden.

Mal Ina Gille zitiert, deren Text die Website bietet: "Natürlich bleibt es ein Querschlagen, Wut-Haben, Aufbegehren, Umsich-Schlagen, gegen das Leben aus zweiter Hand, den Konsumzwängen, Fernsehsüchten zu widerstehen, die seichten Unterhaltungsgelüste zu ignorieren, sich dieser gefilterte Wirklichkeit, vorgekaut, zu widersetzen, zu widersetzen mit Kunst."

Drei Pünktchen. Aha. Man hätte es fast nicht geglaubt. Aber der alte rebellische Geist ist noch wach. Der rebellische Geist, der vor 100 Jahren mal die Welt zu erschüttern versuchte. "Dada" war eine der Inkarnationen dieses Geistes. "Dada" steht und hängt heute im Museum und mancher hält es für ein Unterkapitel der "Moderne", die ja bekanntlich auch im Museum hängt oder steht oder verstaubt. Denn danach kam irgendwas Anderes, das die Herren mit den ungekämmten Haaren und den großen Hornbrillen dann "Zweite Moderne" oder Postmoderne nannten.

Geändert hat sich eigentlich nichts. Das, was künstlerisch gelungen war, hat seine Käufer und Verehrer gefunden. Anderes auch. Die Verwirrung ist nicht nur in kunstwissenschaftlichen Seminaren groß. Sie ist auch auf den Kunstmärkten entsprechend. Derzeit grübelt die halbe Welt, wie man einen Pollock nur hat fälschen können. Oder viele Pollocks.

Alles Ansichtssache. Gefälscht und kopiert haben die Menschen schon immer. Die halbe Überlieferung aus der antiken Welt sind Repliken und Nachahmungen. Meist deshalb noch so zahlreich zu finden, weil sich da irgendwo ein Bildhauer einen Stil zugelegt hatte, der auch noch in der Nachahmung der Nachahmung für ein Staunen beim Betrachter sorgte.

Davon träumen Kunstmacher auch heute noch. Und sie leiden darunter. Denn natürlich ist das Gedränge groß. Nicht nur, wenn an der HGB die Bewerbungen anstehen. Viele fühlen sich berufen.

Ein Ziegelstein ist meist kleiner, schmaler ...
Dies hier ist ein Büchlein aus der Leidenswelt junger Künstler. Zum größten Teil dialogisch geschrieben, ein Gemeinschaftswerk, in dem sich Goller und Piek, die man auf dem Cover strumpfmaskiert abgebildet sieht, die Bälle zuspielen. Sie erzählen auf diese Weise auch Geschichten. Geschichten aus der Welt der Künstler. Eine zum Beispiel über die große Leistungsschau in einer berühmten Kunsthochschule, wo sich beim Kampf um die beste Platzierung der Bilder ein großes Drama entspinnt. Es ist wie ein hübscher kleiner Blick in die gar nicht so kameradschaftliche Welt, in der der künstlerische Nachwuchs sich bildet. Der gewöhnliche Betrachter sieht ja beim Rundgang nur das Ergebnis, bleibt da und dort hängen, sieht lauter junge Leute, denen schnurzpiepegal zu sein scheint, ob den komischen Leuten, die da kommen, das irgendwie gefällt, was da hängt.

Ist also nicht so. Sie tun nur so. Schön, das zu wissen.

Manches in den Dialogen dieses Buches wirkt nur surreal. Wie das "Theaterstück", das am Ende ein ganzes Drittel des Buches ausfüllt und in dem die beiden Maler in die Fänge eines obskuren Gerichtes geraten und schließlich - gut verschnürt - im Gefängnis landen. Damit sie aufhören, so zu malen, wie sie es tun. Das kommt einem bekannt vor. So wie einige der Namen, die hier anklingen. Dass ein Neon Bauch hier den Vertreter der alles erdrückenden Malweise spielt, lässt ahnen, wie sehr man sich da in den Ateliers reibt. Aneinander und an denen, die schon da sind und die berühmt sind. Dass es junge Künstler freilich auch wie ein Leben zwischen Anklage und Verurteilung erleben, kann ein Kunstgriff sein. Muss es aber nicht.

Er schafft auch eigene Wertungen, grenzt sich ab, will anders sein. Und das muss man dann auch aushalten. Das scheint nicht wirklich leicht und schon gar nicht idyllisch zu sein, auch wenn es am Ende so etwas wie eine Errettung gibt. Eine einsichtige Richterin wird zur Retterin der beiden Verurteilten. Die Schlussszene hat etwas faustisches. Fast wartet man auf das bekannte "Gerettet!" Denn Johann Wolfgang Goethe war zwar kein Maler - aber er litt genauso zeitlebens unter dieser Dissonanz. Er ist ein gut Teil seines Fausts. Und die berühmte Rettung ist durchaus eine zweischneidige Angelegenheit. Man kann und darf sie auch ironisch lesen.

Bei Goller und Piek muss man sie ironisch lesen. Da fliegt sogar die Haftanstalt in die Luft.

Das Buch enthält auch ein paar Grafiken unter dem Titel "Puppenspieler". Im Original sind es Ölbilder. Das steht ganz hinten im Buch erklärt. Mit der Zuweisung an die beiden Künstler. Denn unterscheiden kann man es beim Betrachten nicht. Die beiden spielen auch mit der Verwechselbarkeit ihrer Handschriften. Auch so ein Moment aus der großen Werkstatt der Kunstgeschichte, wo sich Legionen von Sachverständigen die Köpfe darüber zergrübeln, ob ein Bild noch das Original des berühmten Malers ist oder eine Kopie von dessen eigener Hand oder von einem seiner Schüler oder von einem echten "Fälscher", der zwei Jahrhunderte später Hand anlegte.

Wer also demnächst mal wieder irgendwo eine idyllische Geschichte über Künstler liest, darf sich ruhig betrogen fühlen. Idyllisch ist das Leben der Leute ganz gewiss nicht, die sich im wachsenden Meer der Bilder und Eitelkeiten ein Plätzchen, einen Ruf und ein kleines bisschen Erfolg erarbeiten (oder erkämpfen) wollen. Maskerade und Puppenspiel sind dafür sogar noch recht zurückhaltende Synonyme.

Zum Trost für alle Rebellen: "Die Puppenspieler" ist Teil 2 einer von Goller und Piek geplanten Trilogie. Der erste Teil erschien 2005 in der Edition Erata, die sich mittlerweile zum Leipziger Literaturverlag gemausert hat. Ein dritter Teil unter dem Titel "Die Neue Welt" sei in Arbeit, heißt es aus dem Malfront-Kosmos.

 

Michael Gollers fröhliches Versteckspiel mit Mike Wassermann: Konkretes Vergessen
Ralf Julke, L-IZ vom 03.11.2009

Wenn sich die Kunstkritiker mit Kunstworten überschlagen, dann weiß man: Jetzt wird's schwierig. Jetzt hat man es wieder mit KUNST zu tun. Mit dem, was entsteht, wenn der Künstler mit Konventionen und Traditionen bricht. Dann wird es dissoziativ, assoziativ oder skriptural. Dann werden spätestens die Kritiken zu Watte. Und die Kataloge bersten vor Gelehrsamkeit. Das ist nicht unbedingt immer der Fehler der Künstler, die sich auf ihre Art Mühe geben, das zu tun, was ihnen auf der Seele brennt. Was nicht immer gelingt, auch wenn sie sich alle Mühe geben oder arbeiten wie besessen, wie der Chemnitzer Michael Goller, der sich als Dichter Mike Wassermann nennt. Er taucht auch unter beiden Namen auf im Katalog des Leipziger Literaturverlages, hat dort schon "Das Malbuch" veröffentlicht und zwei Bände, in denen er in beiden Gestalten auftaucht: als Illustrator und Dichter.

Das zweite kam in diesem Herbst heraus. "Konkretes Vergessen". Ganz Goller, ganz Wassermann. Die Arbeitsweisen, die der 35jährige an den Tag legt, ähneln sich im Bild und im Text. Was die klugen Kritiker über seine in Ausstellungen gezeigten Bilder sagen, könnten ihre literaturwissenschaftlich vorbelastete Kollegen ganz ähnlich über die Texte sagen.

"Das Fragmentarische und Dissoziative scheinen perfekt geeignet, das Urbild unserer Wirklichkeit abzubilden: Im Rauschen der medialen Eindrücke ist einzig das Flüchtige von Bestand", schrieb Torsten Obrist beispielsweise 2008 in einem Katalog zu Gollers Bildern.

"Seine Malereien sind ornamental, expressiv und erzählerisch in einem, sie mischen Comicelemente mit abstrakter Farbmagie, wollen verstören durch inhaltliche Direktheit und dabei reine Kunst bleiben. Ein realitätswacher Träumer, assoziativ Umschreibender, der Kosmen durch Poesie bannen will", erklärte Dr. Ina Gille 2005 in einem Katalog, wie sie Gollers Kunst sah.

"Michael Gollers Kunst ist beeinflusst von skriptural arbeitenden Künstlern wie auch von expressiver Malerei", meinte Bernd Weise 2001 im Katalog "Labyrationen", dem ersten Buch mit Bildern und Gedichten von Goller/Wassermann in der Edition Erata, die heute Leipziger Literaturverlag heißt.

Wären wir natürlich nie drauf gekommen, wenn die Texte nicht auf der Website des Künstlers stünden. Aber: "Abstrakte Farbmagie"? "Reine Kunst"? "Fragmentarisch"? - Da kann man eigentlich nur noch Georg Christoph Lichtenberg zitieren. Tun wir jetzt aber nicht. Das wäre zu gemein. Natürlich malt Goller keine Quadrate und grauen Flächen. Und manche seiner Gestalten wirken natürlich comic-haft, oft auch einfach naiv, durchgearbeitet selten. Goller, der von 1995 bis 2000 an der Hochschule Mittweida ein "Medienstudium" absolvierte, steht nicht unbedingt in bestimmten Kunsttraditionen oder gar Malerschulen.

Wobei das vielleicht gemein ist, Mittweida hier zu erwähnen. Aber man muss auch nicht in Leipzig studieren, um eine eigene künstlerische Sprache zu entwickeln. Es hilft, wenn es um Technik und Training geht. Wer freilich eher um ein eigenes Profil, eine eigene Auseinandersetzung mit dem Dingen kämpft, der macht dann eher wie Goller in einer Künstlerinitiative Malfront oder einer Künstlergruppe Querschlag mit. Die Namen sagen schon einiges. Auch wenn man sich 100 Jahre nach Geburt der Post-Moderne so langsam fragt: Gegen was kämpfen die jungen Burschen da eigentlich? Geht es tatsächlich immer noch (oder wieder) gegen die Etablierten, die manchmal auch ganze Lehrstühle besetzen? Oder geht es um die Attitüde des "Das ist KEINE Pfeife!"?

Oder ist es nicht eher der alte, nimmerermüdende Kampf mit dem eigenen kleinen Leben: "gott ist überall", wie Goller alias Wassermann eines seiner Gedichte nennt. Und es ist nicht das einzige, wo dieses für viele Dichter so elementare Ringen mit sich, der Welt und dem ganzen Rest durchschimmert. Durchschimmert wie durch ein fadenscheinig gewordenes Gewebe. Denn das sind Wassermanns Texte im Grunde. Keine schönen, bildhaften oder gar harmonischen Gedichte. Das versucht er so gut es geht zu vermeiden. Aber das ist das Beeindruckende an Sprache: Man kann sie zwar demontieren, bis die Zusammenhänge flöten gehen. Und die postmodernen Dichter haben ja im letzten Jahrhundert alles ausprobiert, was man mit Sprache nur anstellen kann. Aber wann man auf Worte nicht verzichten will - und so weit geht Wassermann eben nicht -, dann bleiben die Assoziationen da. Und es gibt eben haufenweise Worte in der deutschen Sprache, die bringen eine ganze Wagenladung von Assoziationen mit (anders als die Kunst-Worte von "dissoziativ" bis "skriptural").

Und so kommt diese Suche des noch immer recht jungen Chemnitzers nach dem Ur-Grund aller Gründe eben in seinen Texten genauso zum Vorschein wie in seinen Bildern. So, wie in seinen Bildern Gesichter, Hände, Schatten und kleine Gestalten sichtbar werden, die irgendwie wie aus Höhlenmalereien oder aus dem Buch der Maya entsprungen scheinen, so taucht neben Gott und Chaos und Welt (na, größer geht's nun wirklich nicht) auch das Ur-Motiv aller Ur-Motive auf - etwa in "So und So II": "Mondlicht fiel auf deine Schenkel ..."

Klar: Der Künstler möchte sich nicht gern in seine Karten schauen lassen. Aber das heißt nicht, dass man in seinen Arbeiten nichts entdeckt, auch wenn sie sich widerborstig geben und beim Lesen zu spüren ist, wie der Autor sich richtig anstrengen musste, bestimmte Bilder und Handlungsmuster zu vermeiden. Aber wie bekommt man heute noch hin, wozu Rabelais noch tonnenweise Papier brauchte? Das ist ja nicht ganz neu, dass man die Mythen und Legenden der vorhergehenden Kunst-Macher zerfetzen, entlarven und karikieren möchte. Aber was bleibt da, wenn die Assoziationen dann fast automatisch hinführen zu "deine / Brüste troffen vor / Milch, wer sollte / sie trinken ..."

Naja. Es ist wirklich nicht leicht, heute noch immer jung zu sein und etwas unverwechselbar Eigenes zu schaffen, wo doch alle die da Vincis und Baudelaires schon da waren. Und auch über "Verzweiflung. Staubkorn. Wind. Leere." haben schon so Viele geschrieben. Jeder Text ist ein Kreuzweg. "fürchtet euch nicht", zitiert Goller die Bibel. Das tut er öfter - und es fällt auf. Hier ist einer auf der Suche, spricht von Ängsten und Unsicherheiten. Und eh das einer merkt, tritt er seinem Vers mal lieber auf die Kehle (um Majakowski zu zitieren, der da nur ein klein wenig anders meinte). Und dann? - "der weg der worte: umgeleitet". Das ist dann ein kleiner Blick in die Werkstatt. Und wie heißt die Überschrift zu diesem Gedicht? - "mein reich ist nicht von dieser welt".

 

Zwiegespalten
Neue Wege zwischen Bild und Text, Künstler und Pseudonym

Vielleicht ist es gerade Mike Wassermann, der Michael Gollers neues Buch "Konkretes Vergessen" zu etwas Außergewöhnlichem macht. Der Einblick in das Innenleben des Künstlers, der 40 Gedichte seines "anderen Ichs" Mike Wassermann neben 40 seiner Zeichungen stellt, ist wohl nicht nur unter psychologischen Gesichtspunkten interessant. Denn Michael Gollers Werke sind von ornamentaler, expressiver Kraft. Doch vielleicht ist der Unterschied zwischen Text und Bild gar nicht so groß wie vermutet. Bevölkert der Chemnitzer seine Gemälde doch nicht nur mit menschlichen Gestalten, sondern greift auch auf Schriftzeichen zurück, die jedoch erst als solche erkannt werden müssen. Dieses Buch versteht sich als Begegnung, als Dialog. Kein Neuland für den 35-Jährigen. Als Mitbegründer der Künstlergruppe "Querschlag" bleibt ein Auseinandersetzen mit den anderen Mitgliedern Dirk Hanus, Michael Knauth und Peter Piek natürlich nicht aus. Dabei ist Michael Golller jedoch der Rastloseste von ihnen.
Zwischen Texten und Malen hin- und hergerissen, hilft ihm Mike Wassermann vielleicht dabei, ein weiteres System in seine schöpferischen Welten einzubringen. An den Orten des "Konkreten Vergessens" kann jeder teilhaben am Dialog zwischen Text und Bild, aber auch des Künstlers mit sich selbst.

Chemnitzer STADTSTREICHER 08 / 2009


Intenet-Auftritt

http://www.michaelgoller.com


 

 


Textprobe
aus: Das Malbuch

Galerie-Arbeiten

Zu Mike Wassermann

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