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Sergej Jessenin
geb. 1895 in Konstantinowo(heute Jessenino), Gouvernement Rjasan, Schüler in kirchlichem Internat, Buchhandlungsgehilfe in Moskau, Studium, Reisen, fünf Ehen, zwei eheliche und drei uneheliche Kinder, Vandalismus und Trunksucht, Suizid in Leningrad
Veröffentlichung im Leipziger Literaturverlag
Der Winter singt – es ist ein Schreien. Gedichte, aus dem Russischen von Erich Ahrndt, LLV 2010
Sergej Jessenin gilt als Inbegriff des russischen Dichters: wortmächtig und reich an Bildern kommen seine Verse daher, urwüchsig, unverkrampft, wie selbstverständlich in ihrer Schlichtheit. Schon als Fünfzehnjähriger hört er den Winter singen, ja schreien. Zunächst bewegt sich Jessenins Lyrik in dörflicher Idylle, wird gespeist von seiner Liebe zur ländlichen Natur. Die umwälzenden Ereignisse der Oktoberrevolution rufen neue, ungebärdige Töne wach, beflügeln seine Phantasie zu kühnen Visionen. Im Poem Inonien (entstanden im Januar 1918) lesen wir: „Her die Welt! Ich will geschmeidig / Packen sie, sie umzustülpen ... / Und acht Flügel schwinge weit ich / Wogende Gewitterstürme“. Im naturliebenden Dorfdichter steckt auch der zügellose Bohèmien der Moskauer Kneipen – dieser Widerspruch bestimmt lebenslang seine Existenz. Vergebens versucht er, die „schwarze Kröte und die weiße Rose“ zu verbinden.
Rezensionen
Authentizität und Modernität
von Karlheinz Kasper, Osteuropa, 12, 2010, S. 144
Sergej Esenin (1895–1925) bekannte in einer 1922 in Berlin verfassten
Autobiographie, mit Kljuev verbinde ihn trotz aller inneren Gegensätzlichkeit
„eine tiefe Freundschaft“. 1915, in einem Brief an Kljuev, hatte er formuliert:
„Ich bin ebenfalls Bauer und schreibe wie Sie, nur in meiner Rjazaner
Sprache.“ Esenin war jedoch mehr als
ein Bauernlyriker: Er gilt heute als Inbegriff des russischen Dichters,
dessen Werk zuimmer neuen Übersetzungen herausfordert. Davon zeugt auch
die Auswahl von Erich Ahrndt Der Winter singt – es ist ein Schreien,
vierzig Gedichte und zwei Poeme im Leipziger Literaturverlag. Ahrndt vertraut
Metrum und Reim, wo es sich anbietet, favorisiert aber in der Regel eine
ungekünstelte Eindeutschung; er will den Sinn- und
Stimmungsgehalt so genau wie möglich treffen. Ein Beispiel dafür ist Esenins
letztes Gedicht, an dem kein Übersetzer vorbeigeht. Es entstand in der
Nacht vom 27. zum 28. Dezember 1925, bevor sich der Dichter im Leningrader
Hotel „Angleterre“ erhängte, wurde mit dem eigenen Blut geschrieben und
war an seinen Freund Wolf Erlich gerichtet, der vermutlich als NKVD-Agent
fungierte. Der Lyriker Paul Celan übersetzte die zweite Strophe so:
Hand und Wort? Nein, lass – wozu noch reden?
Gräm dich nicht und werd mir nicht so fahl.
Sterben –, nun, ich weiß, das hat es schon gegeben;
doch auch Leben gabs ja schon einmal.
(Gegen die Sesshaftigkeit des Herzens, Oberbaum 2002, Bd. 1, S. 173)
Erich Ahrndt, der vor allem als Übersetzer der Prosa Bunins, Platonovs, Rasputins, Tendrjakovs und Granins Erfahrungen gesammelt hat, entschied sich für folgende Version:
Lebe wohl denn. Keine Hand, Getreuer.
Zieh nicht Trauerfalten, blicke frei –
Sterben ist in dieser Welt nichts Neues,
Doch auch leben ist nicht eben neu.
