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Viktor Kalinke

Genesis nach Darwin

Im Anfang war das Wort. Es hielt sich im Wasserstoff verborgen. Als Formel. Gott war eine Verbindung aus Wasserstoff, das heißt, Gott war fort. Aus Wasserstoff entstand Helium. Es ward Licht. Aus verbranntem Helium entstand Erde. Dort war Gott. Wortlos schuf er die Pflanzen, die Fische und die Tiere. (Die Fische sind weder Pflanzen noch Tiere, darum wer­den sie von manchen Vege­ta­riern auch gegessen.)
Darunter waren kletternde, bananenfressende Wesen mit lockigem Fell, die auf zwei Beinen die Bäume hinaufstiegen, als wollten sie höher hinaus: in den Himmel. In einer trüben Stunde erkannte Gott in ihnen sein Eben­bild: “Nein, das ist nicht wahr!” fuhr es mit Blitz und Donner durch seinen Kopf. Doch die Ähnlichkeit war unverkennbar. (Rein äußerlich.)
So hieß Gottdie Löcklinge, sich zu vermehren und sich von Aas zu ernähren, damit sie sich von ihm unterschieden. Die Weibchen hüteten den Nachwuchs. Die Männchen stritten mit Hyänen und Geiern um Aas. Der Kampf erschien ihnen bald zu gefährlich. Sie hüpften im Kreis und stießen Uuh-Uuh-Laute aus, die sagen sollten: Nein, nein, nicht länger wollen wir Aasfresser sein, fangen wir lieber Hasen. Entgegen Gottes Geheiß schlossen sich die Männchen zusammen. Der erste wurde Fallensteller, der zweite wurde Häscher, der dritte Fellübernkopfzieher. Und sie riefen “uuh, uuh”, “aah, aah” und “ih, ih” – damit war die Sprache geboren (und die Arbeitsteilung und die Liebe).
Gottes Antlitz färbte sich fahl, aschgrau. Er schickte die Sintflut. Doch es gelang ihm nicht, die grunzenden Löcklinge auszurotten. “Affen sind das, nichts als Affen!” rief Gott entsetzt. Alles weitere ist bekannt. Nur soll festgehalten werden, daß Gott geirrt hat, ja, Gott hat sich getäuscht: Zwar sind diese Affen sprachbegabt, aber sie ähneln Gott nicht im geringsten. Der hat seinen Irrtum eingesehen und läßt davon ab, sie zu bekämpfen. (Damit beschäftigen sie sich selbst.)

(aus: Gottes Fleisch. Erster Band: Die Erfindung der Reinheit, © ERATA 2005)


Abendmahl

Wie verzehrt man sich?
Mit Pfeffer und Salz?
Am Abend? Am Morgen?
In der Nacht : Eindrücke
wägend vom Tag
Wohin führt der Schlaf?
Ins Flüsterreich einer Sprotte
sie kellnert nachts im Hotel

(aus: Die Kunst : den Ort zu finden, © ERATA 2001)


Die Folgen des Krieges
(Peter Paul Rubens, 1638)

Bizarr verzerrt : das Gesicht von Mars
wenn er zum Krieg entschlossen ist : dunkel
fahl die Haut : geweitet die Pupillen
ein Landsknecht : der Venus von ihm
losreißt : die sich nicht losreißen läßt
vergeblich fleht sie : vergeblich
ihr Honigblick : sie hält ihn nicht ab
vorm blutgeölten Schwert weicht sie
zurück : es träfe ihre Fruchtbarkeit
von rotem Tuch umhüllt : ein rotes Tuch
flattert als Fahne am Ellbogen von Mars
die Liebe unterliegt : das Buch


Rein und raus

Wir erhielten Unterricht, raten Sie, über das hauseigene Thema der Armee: die scharfen Waffen. Nachdem er die Petschaft erbrochen hatte, überreichte uns Biesteritz in der Waffenkammer, deren Gittertür er stets gewichtig, als bewegte ihn ein religiöses Verantwortungsgefühl, öffnete und schloß, je­ eine persönliche Kalaschnikow samt Waffenkarte. Es durften sich, um Tumult zu vermeiden, nur zwei Soldaten, ihn ausgenommen, im Raum befinden, Dienstvorschrift, ein kommender und ein gehender. Sie erwarteten uns mit lässiger Geduld, die stählernen Männlein, in Reih und Glied aufgestellt, vorbildlich, akkurat, ohne Pißbögen zu bilden, diese auf einen stähler­nen Phallus geschrumpften Männlein, welche wir anfassen und greifen übten, anfangs aufgeregt, schließlich ihre Langeweile, ihre männliche Lässigkeit in uns eindringen lassend; fruchtbar konnte das wiederholte Üben nicht sein, mochte Biesteritz auch orgiastisch stöhnen, wenn einer zum falschen griff.
So war auch in diesem Land, was Sicherung des Friedens hieß, vorzugsweise die Angelegenheit von Männern, deren Trieb aus unerfindlichen Gründen fehl­geleitet war. Ich gebe zu, daß mir diese Erkenntnis erst einleuchtete, nachdem ich mir im Buchla­den der MHO, die besser versorgt wurde als ihre Schwester namens HO draußen, ausgewählte Schriften eines östereichisch-jüdischen Pazifisten, die erstmals in Ostelbien erschienen, vom Sold absparte. Die geistige Invasion des Pazifisten stellte die stolze Bequemlichkeit der ausgehungerten marxistisch-leninistischen Weltan­schauung in Frage, alles und jedes auf Klassengegensätze zurückzuführen, und verlockte mein Denken zu der lukullischen Bequemlichkeit, alles und jedes mit Sex zu erklären.
Leutnant Kaminski, der Politoffizier, erklärte die Potenz des sagenhaften Penis sowjetischer Bauart: günstige Reichweite bis fünfhundert Meter, Ejakulationshäufigkeit Hundert pro Minute. Wenn dich, Soldat Hülsensack, ein Geschoß am Ohr streift, fügte Kaminski, eine intime Stimmlage aufsetzend, hinzu, reißt es dir den Kopf ab. Dumm. Sehr dumm. Ob dies den Richtlinien der UNO zur menschengerechten Kriegsführung entsprach? Wenigstens war ins Bajonett eine Blutablaufrinne geritzt.


Mut und Demut

Die echten Genossen, die sich, ob sie wollten oder nicht, alten Brauch fortsetzend, Parteigenossen riefen, um sich von den unechten zu unterscheiden, blieben zur Versammlung im Raum, während uns befohlen wurde, die persönliche Freizeit durchzuführen. Ich weiß nicht, worum es auf Parteiversammlungen ging, vielleicht um das Werben neuer Mitglieder, ließen sich viele doch – von augenscheinlichen Vorteilen – überzeugen. Gewöhnlich änderten die soldatischen Parteigenossen nichts an den Gepflogenheiten in der Kaserne, sie behaupteten zwar, auf den Versammlungen werde offen gesprochen, man könne zu den Vorgesetzten Du sagen und sie kritisieren; im Winter, fällt mir ein, beschlossen die Parteigenossen, einen Sturmbahnwettkampf zu verschieben, der für die Zeit eines Kurzurlaubs geplant war, und darin erschöpfte sich ihre Aktivität.
Gemeinsam mit den zurückkehrenden, zur persönlichen Freizeit überlaufenden Parteigenossen trat Kaminski ins Zimmer, verzichtete, obwohl es ihm zustand, mit einem Wink auf das schnelle Strammstehen von unserer, das „Rührt euch!“-Geben von seiner Seite, nahm den sperrigen Hut ab und ließ sich, was uns selbst in der Freizeit nicht gestattet war, auf der Schwarzdecke eines Bettes nieder mit den Worten:
„Ich bin auch ein Mensch. Wollen wir nicht mal quatschen?“ Die Vermutung, daß Kaminski als Mitarbeiter der Stasi solch familiä­ren Ton anschlug, war nicht zu unterdrücken, sie lag schwelend in der Luft, unausgesprochen, in Schweigen mündend, so daß sich Kaminski veranlaßt sah, von sich zu erzählen, er sei kein Berufsoffizier, sondern habe sich für vier Jahre verpflichtet, von denen das letzte nun angebrochen sei, weil er Medizin studieren wolle, seine Freundin zu Hause habe ein Kind bekommen undsoweiter.
Andreas, von dem ich wußte, daß er Protestant war, fragte behutsam und kleinlaut, warum wir das Trainingszeug nicht anziehen durften beim Frühsport.
„Das ist eben Militär“, sagte Kaminski. Ha, dieser Opportunist. Kämpfen, obwohl die Zeitungen überquollen von diesem Wort, war aus der Mode gekommen. Kaminski fragte, wie es uns bis jetzt bei der Armee gefalle. Die Frage schlich mit treuherzig blickenden Augen heran, daß ich beinahe sagte: „Ja, es gefällt mir.“ Mag Kaminski die Frage auch ohne Hintergedanken gemeint haben, sie legte die richtige Antwort von vornherein nahe, und wehe dem, der sie nicht gab. Hendrik half uns, ohne intellektuelle Mühe, aus der Peinlichkeit, die Frage zu ernst zu nehmen:
„Wenn man vom Tee absieht, ist es nicht schlecht.“
Jedoch, ich konnte nicht an mich halten.
„Asche ists“, murmelte ich mit rotem Kopf und meinte, dies sei kein Leben. „Der Hundegehorsam, zu dem ihr uns abrichten wollt, damit wir bis zum Ernstfall unseren Willen verloren haben, ist weit entfernt von einer Assoziation freier und gleicher Menschen“, sagte ich laut, mich an den Schulstoff erinnernd. Aus heiterem Himmel, schien es, steckte der Bataillonschef seinen Kopf durch die Tür, Kaminskis „Achtung!“ war überflüssig, wir standen wie ein Mann und waren still.
„Habt ihr irgendwelche Probleme?“ fragte der Bataillonschef. Keine Antwort – alles war in Ordnung. Kaminski nahm mich, als der Bataillonschef gegangen war, zur Seite und sagte wie ein Freund, der's gut meint, zu mir:
„Gewöhn dir das Denken ab, das erledigt hier der Minister für uns.“ Ich dachte, während die Beule in meinem Nacken schmerzte: Nehmen Sie Ihre Zunge aus dem Mund, wenn Sie mit mir sprechen. Als auch Kaminski unser Zimmer verlassen hatte, stieß mich Hendrik an und fragte:
„Asche, du glaubst wohl an den Kommunismus?“ Ich war verlegen, so hatte ich meinen Protest nicht gemeint, oder doch, wollte anheben, die kommunistische Utopie mit den Hoffnungen des Urchristentums zu vergleichen, darüber hatte ich meinen Prüfungsaufsatz geschrieben, anhand des Buches eines Kirgisen und des Erzählhelden „Awdi“, doch Hen­drik kam mir zuvor:
„Was, meinst du, ist der Unterschied“, fragte er blinzelnd, „zwischen dem Kommunismus und einem Ufo?“ Ich stutzte und zuckte mit den Schultern. „Das Ufo ist realistischer“, prustete Hendrik, klopfte mir derb auf die Schulter und – ich hatte einen neuen Namen.

(aus: Asche. Die Antworten des Tronje Wagenbrant, © ERATA 2000)


Finnländischer Bahnhof

Einst von staatlich bezahlten Barden besungen : ein Imbiß
verstellt nun den Blick auf den Genossen Lenin : seine Hand
wegweisend zum Horizont erhoben : oder zum Gruß
als er ankam : hier : im heißen November
nach neuer Zeit : war die Schlacht schon geschlagen
Trotzki kommandierte die Arbeiterschaft : Lenin
kannte nicht einmal den Weg : durch die Barrikaden
er brauchte einen Führer zum Smolny : bevor er
zum Führer sich deklarierte : dieses Spiel
hatte er oft geübt : auf den Parteitagen
im Londoner Exil : wo sich die Zelle
von zwölf sozialdemokratischen Jüngern im Lagerhaus
traf : einer stillgelegten Fabrik
eine glorreiche Mehrheit von sieben begründete die Bolschewiki
so einfach war es für den Lehrersohn : in die Geschichte
einzugehen : er ließ niemanden außer sich selbst
zu Wort kommen oder niemandes Wort
neben sich gelten : schon gar keine Umsicht
duldete er : der besessene Theoretiker
im Schweizer Refugium träumt es sich leicht
von Weltumsturz : weg mit dem raffinierten
Trotzki : viel zu geschickt
hat er den Aufstand gegen Kerenski
eingefädelt : zu wenig Blut ist geflossen
eine ernste Gefahr : dieser konvertierte
Vertreter des Bürgertums : wie Marx & Engels übrigens
damit ließ er sich packen : ihm fehlte
die proletarische Herkunft : dann hätte es richtig
viel Blut gegeben : im heißen Oktober
& Kerenski hätte gewonnen : hätte der Lackaffe
Stalin oder der Träumer in seiner finnischen Hütte
ohne Kenntnis der Lage die Truppen geführt : Trotzki
war wirklich gefährlich : mit ihm
hätte die Weltrevolution in Brest-Litowsk
nicht aufgehört : nicht an der Berliner
Mauer & nicht im mexikanischen Exil : die Imbißbude
würde trotzdem am Finnischen Bahnhof
stehen : ohne Lenin als Mosaik dahinter

(aus: Wie ich Amerika entdeckte. Gedichte und Kurzprosa, © ERATA 2004)

 

 


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