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Bärbel Klässner

1960 in Magdeburg geboren. Hat studiert, gearbeitet, zwei Töchter großgezogen. Studium abgebrochen, Arbeit gewechselt, die DDR nicht ertragen... im Lande geblieben, Frauengruppe gegründet, eine (illegale) Zeitung mitherausgegeben, geschrieben, gestritten, gelitten, 1990 nach Köln umgezogen, Ausbildung zur Therapeutin, dann nach Weimar, jetzt im Ruhrgebiet, Lyrik/lyrische Texte gemacht und veröffentlicht, erhielt Stipendien vom Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Stipendium der Stiftung Kulturfonds, für das Textwerk-Lyrikseminar im Literaturhaus München,Teilnahme am Autorinnenforum Berlin-Rheinsberg 2007, lebt in Essen

Veröffentlichungen

Nahe dem wortwendekreis, Gedichte, Hain-Verlag 1997; Am ende der städte, Gedichte, Literarische Gesellschaft Thüringen 2001; Der zugang ist gelegt, Gedichte, ERATA 2008

“So begann ich die sprache mit meiner spucke zu zersetzen darin lag der geschmack staubiger märchen und der schweiß der magdeburger zeitungsdrucker die druckten die volksstimme und hatten noch echte lettern aus blei sie konnten nichts für die macht der transparente die ich sah und dann sah ich das lächerliche im großen und ganzen und die schönheit im schaufenster von pfund & gress meinem lieblingsladen schul und zeichenbedarf hier begann die heimat und ging die halberstädter chaussee hinunter auf der geraden seite und auf der ungeraden wieder herauf später wollte ich die sprache durch mich selbst ersetzen ...” (B. K.)

Stimmen zum Buch

"Die Lyrik der Bärbel Klässner ist erfrischend anders, auch oder gerade weil es Lyrik vom Feinsten ist. Unbedingt lesenswert!" Silvia Tornau

Bärbel Klässner fügt die Sprache so poetisch wie gewitzt, so bissig wie geschmeidig." Andreas Heidtmann

„Eigens erfinde ich für Bärbel Klässner eine weibliche Form des Pilgrims: Pilgrima. Sie ist eine Wanderin durch etliche Wechselbäder der deutschen Geschichte ...“ Wulf Kirsten

"Hingabe an das Zeitliche, an das sinnlich erfahrbare Wortkonstrukt, als ein Hineingehen mit ihm ins Unabänderliche, wissend, daß das Wort nur vorläufigen Widerstand leisten kann, nicht Erlösung." Heinz Weißflog

Rezensionen

Neuer Wort Schatz II (8) : Worte meine ersten lieben
Vorgestellt von Dietmar Jacobsen am Montag, 09. November 2009 im Titel-Magazin

"So begann ich die sprache mit meiner spucke zu zersetzen darin lag der geschmack staubiger märchen und der schweiß der magdeburger zeitungsdrucker die druckten die volksstimme und hatten noch echte lettern aus blei sie konnten nichts für die macht der transparente die ich sah und dann sah ich das lächerliche im großen und ganzen und die schönheit im schaufenster von pfund & gress meinem lieblingsladen schul und zeichenbedarf hier begann die heimat und ging die halberstädter chaussee hinunter auf der geraden seite und auf der ungeraden wieder herauf später wollte ich die sprache durch mich selbst ersetzen das musste misslingen die sprache ersetzte mich durch nichts ungesprochen blieben die nächte augenleer totenstumm das blanke entsetzen als ich das westdeutsche lernen musste als wär das meine zweite mutter natur verschwand der schweiß und bleigeruch soweit meine geschichte mehr nicht ..."

Ein Leben - verteilt auf 15 Zeilen. Nicht endend mit der letzten, es fehlt der Punkt. Und Raum für Zukünftiges bleibt noch genug, um festzuhalten, was nach dem lakonischen „mehr nicht“, mit dem der Text endet, noch kommen mag.

Allein die Pfeiler, auf denen das beschriebene Dasein gründet, scheinen festzustehen. Bärbel Klässners Lebensthema ist die Sprache. So wie vorgefunden ist sie nicht zu gebrauchen. Die Sprecherin muss sie sich erst anverwandeln. Sie geschmeidig machen, einspeicheln, „mit ... spucke zersetzen“. Ein Akt der Einverleibung.

So reduziert und trocken jedenfalls, wie sie von der das Ich umgebenden Welt zur Verfügung gestellt wird, taugt sie nicht zur Beschreibung dessen, was wirklich erlebt, erahnt, ersehnt, erfühlt, erlitten wird. Und wo sie sich spreizt auf Transparenten, versperrt sie den Blick ins eigene Innere, ist nur noch schillernde Oberfläche.

Später ist die Rede von dem Versuch, „sprache durch mich selbst“ zu ersetzen. Eine Absolutsetzung des Ich, die schnell in Sackgassen führt, wo einem aus allen Spiegeln nurmehr das eigene Gesicht entgegensieht. Ausblendung der Welt, die identisch wird mit der Person, die in ihr lebt. Wo die eine ihre Grenzen hat, da hat sie auch die andere. Allein, bei einer derartig eingeschränkten Wahrnehmung stehenzubleiben wäre gefährlich.

Tief atmet man denn auch auf, wenn das Ich des Textes die Klippen der Egozentrik und Enge hinter sich lässt und sich öffnet. Damit wird der Blick plötzlich frei auf Geschichten und „geschichte“, auf historische Ereignisse und ihren Einfluss auf die eigene Biographie. Klässner, Jahrgang 1960, verbrachte ihre Kindheit in Magdeburg, studierte in Jena, siedelte dann nach Köln um, kam für knapp zehn Jahre zurück nach Weimar und lebt seit 2004 in Essen. Eine Wanderin zwischen Ost und West, zwischen zwei Welten, sprich: Systemen, die bis heute nicht wirklich zueinander gefunden haben und immer wieder Reibungsflächen bieten.

Vielfältig ist das Sprachecho, das die Vergangenheit der Autorin im Text hinterlassen hat. Da klingen die Magdeburger Jahre an und die allmählich reifende Erkenntnis der Lächerlichkeit jener Parolen, die einmal die Verwirklichung einer welthistorischen Utopie befördern sollten. Da ist der Untergang der DDR und die Wiedervereinigung, die denjenigen, die das „westdeutsche“ zu erlernen hatten im Schweiße ihres Angesichts, mehr abverlangte als den anderen. Und da ist das trotzige Bestehen auf allem, was dieses Leben zu formen einst mithalf – nichts soll vergessen sein, nichts unter den Teppich gekehrt werden.

Worte meine ersten lieben eröffnet Bärbel Klässners aktuellen Gedichtband Der zugang ist gelegt. Alle dort folgenden „gedichte & fließtexte“ sind das Resultat der im Eingangstext beschriebenen Erfahrungen mit der Geschichte, mit sich selbst, mit der Sprache. Unverschlüsselt gibt die Autorin sich preis und berührt den Leser durch ihre Aufrichtigkeit.

 

"Der zugang ist gelegt"
rezensiert von Sylvia Tornau, "Mitteldeutsche Autorinnen"

Der Titel „Der zugang ist gelegt“ von Bärbel Klässner ließe sich auch übersetzen als ein Willkommen im Leben. Das hier beschriebene Leben ist mal bunt, mal grau, mal blau, violett, türkis, blutrot. Mal ist es neblig, mal macht es Pickel. Vor allem macht es nicht halt. Vor keinem Thema scheut diese wortzersetzende, fabulierwütige Autorin zurück. Mal mit Humor und mal mit Wehmut, aber immer mit der lustvollen Wortgewalt einer Vollblutlyrikerin zwingt Bärbel Klässner die LeserInnen ihr zu folgen. Augenzwinkernd und mit Worten prügelnd lockt sie uns ins fette Leben. Ohne Scheu verkleinert sie „Europa“ auf Weimar und das Ruhrgebiet („Europa“) und beschreibt im Kleinen die Fallen der großen Politik. Ganz ohne Augenwischerei. Schamlos pinkelt sie in Marktlücken („Über die armutsgrenze) und lässt bei einem „Ausfall ins land“ die Landmenschen trinken „…wie die kutscher wie überlebte eben trinken.“

Die Autorin Bärbel Klässner wandelt im wahren Leben wie in ihren Texten auf den Seitenstraßen der Wahrnehmung. Sie ist eine Grenzgängerin, die Grenzen nicht akzeptiert. Die 1960 in Magdeburg (DDR) Geborene, zog 2003 von Weimar nach Essen. Die Autorin ist Weltenbürgerin und Liebende, ist eine Vermittlerin zwischen Ost und West. Sie bricht noch immer mit ihren Texten Löcher in Mauern, wo doch längst keine Mauern mehr sichtbar sind. Ihre Texte sind so einfühlsam und sensibel, wie sie frech und humorvoll und so zerstörerisch wie sie schöpferisch sind. Zerstörerisch, weil sie eingefahrene Denk- und Sprachmuster sprengen. Schöpferisch, weil sie aus den Resten, den Splittern und Sammelstücken Neues erstehen lässt. Beispielhaft hierfür ein Zitat aus dem Text „Frauen schreiben / nicht / anders…“

„…ich bin das von drei kritikern in nadelanzug in der luft zerrissene debütgedicht ich selbst bin natürlich das lyrische ich dass Sie das bitte nicht verwechseln ich rufe niemals an ich bin das aus dem brockhaus gefallene gepresste verblasste mauerblümchen aufgewachsen neben dem akkordeon am knochenpark unter der fuchtel von zwanzig geboten eingerattert ins salatgeräusch ich bin nicht bei trost vermeiden Sie mich ob lyrisch prosaisch oder archaisch ich kollabiere gewöhnlich um die abendzeit zwischen wetterbericht und vertagungsthema meine synapsen sind blinklichter im datenverkehr sie regeln den stau zwischen abbild und abbild Sie wollen doch nicht wirklich irgendwas erkennen?“

Bärbel Klässner (ver)führt uns mit ihrem neuen Lyrikband in eine Welt, die auch die unsere ist. Doch die Welt der Autorin ist geprägt von ihren Beobachtungen und von ihrer Lust „…die Sprache durch mich selbst [zu] ersetzen“ („Worte meine ersten lieben“). Dieses „Selbst“ zu lesen ist ein Hochgenuss für alle Wortbalancierer und Sprachfetichisten. Es ist die reine, ursprüngliche Poesie und nicht zuletzt deswegen lädt sie die geneigte Leserin ein zu atemraubenden lauten Gelächter.

Die Lyrik der Bärbel Klässner ist erfrischend anders, auch oder gerade weil es Lyrik vom Feinsten ist. Unbedingt Lesenswert!


Signum, Sommer 2009

Gebrechen der Gesellschaft

"Ecce poetessa!", ruft Wulf Kirsten am Ende seines Nachworts zu Bärbel Klässners Band mit Fließtexten und Gedichten aus. Recht hat er. Denn der neue Band mit dem beziehungsreichen Titel "Der zugang ist gelegt" lebt von sprachlicher Originalität und Vielstimmigkeit. Hier hat eine ihre wahrlich konfliktreiche und mutige Vita in oft kühne Sprachbilder gefasst. Nicht zuletzt die Fließtexte sind faszinierend. Äußerlich betrachtet, muten sie an wie in sich ruhende Textblöcke. Aber was für ein Leben erschließt sich, geht man von außen nach innen. Was für eine Offenheit und ein Bildreichtum in den scheinbar spontanen Monologen.
Ist Bärbel Klässner eine Außenseiterin? Ja, aber sie bleibt nicht außen und betrachtet das Geschehen vom Rand aus. Sie geht hinein in die steinernen Städte: "Auf allen wegen / Zertretene schachteln scherben und splitter", "Ein block ist des anderen block". Man könnte sagen, Bärbel Klässners Landschaft ist die Stadt. Und manches ihrer Bilder erinnert an die expressionistische Großstadtlyrik. Hineingewoben in diese Stadtlandschaften ist ihre Lebensgeschichte zwischen Ost und West. Die widerständige Autorin ist nicht auf Gefälligkeit aus. Sie hat sich auch heute den genauen Blick auf die Gebrechen dieser Gesellschaft bewahrt, "das land des schönen scheins", hinter dem apokalyptische Szenarien aufleuchten. Oft genug klingen sarkastische, bittere, ja zornige Töne auf. Die Schreiberin verbirgt nicht ihre Verletzungen. Sie weiß um die Ohnmacht der "amtsstuben" mit ihrem "gut zu reinigenden bodenbelag", in denen der "kopflose/antrag über das schwer zerbettelte gesuch" herrscht. Dabei nutzt sie auch die Alltagssprache und scheut sich nicht vor derben phraseologischen Wendungen und deren treffsicheren Blick von unten. Es gibt eindrückliche Verse über die Liebe und über ihr Leben als Frau. "An meinen weibleib branden / stille und zorn zugleich."
Der Band Bärbel Klässners lebt von dem Wechsel zwischen den Fließtexten und den formstrengeren Gedichten. Das sensible Porträtgedicht auf den Dichter Siegfried Pitschmann ist von besonderer Schönheit.
In diesem lesenswerten Band fragt die Autorin nach den Möglichkeiten von Dichtung heute. Ihre Antwort ist trotz der schlimmen Befunde ermutigend. Lebt doch ihre Dichtung von einer Sprache, die verstellte Wahrheiten und Halbwahrheiten virtueller Welten entlarvt. "Wir feiern die virtuelle vielfalt wir vergessen ganz und gar wir vergessen dass wir vergessen wir stürzen mit allen programmen bodenlos bis der speicher versagt", heißt es am Ende des Fließtextes, der dem Band den Titel gibt. Martin Straub, Thüringische Landeszeitung, 04.09.2008

Auf der Schattenseite

"Bärbel Klässner gehört zu denen, die zwischen Ost und West, Heimat und Fremde, Job und Kunst leben und dieses Leben dichterisch umzusetzen wissen. Duisburg und Weimar sind ihr ebenso vertraut wie profane Amtsstuben oder das Fjord der letzten Hoffnung ... Bärbel Klässner fügt die Sprache so poetisch wie gewitzt, so bissig wie geschmeidig." Andreas Heidtmann, Poetenladen 08-2008

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Textprobe
aus: Der zugang ist gelegt

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