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Herbert Kollenz

geboren 1949 in Schwetzingen, Abitur in Heidelberg, Scheffel-Preis für besondere Leistungen in Deutsch, 1969 – 1985 Volontariat und Ausbildung zum Antiquar, Spezialist für Alte u. Neue Kunst und Dekorative Graphik in einem Auktionshaus, 1986 – 1991 Studium der Germanistik und Philosophie, M.A., Unterricht in Deutsch als Fremdsprache an der Universität Gießen, Lehrbeauftragter am Internationalen Studienzentrum der Universität Heidelberg

2007 Preisträger des Wettbewerbs »Heidelberg sucht den Super-Dichter«

Veröffentlichungen

»Ironie als Form relativistischer Lebensauffassung« zu H. v. Hofmannsthals »Der weiße Fächer« in »Acta Germanica« 1979; »Stadt mit Herzkammer« – in: Michael Santak (Hrsg.):Mythos Heidelberg 2007. Neue Gedichte und Geschichten mit Geist und Gefühl – Heidelberg 2006

Marmotta, ERATA 2009:

Der Roman erzählt die Geschichte einer Liebe zwischen einer jungen Italienerin und ihrem Lehrer. Sie ist Mitglied einer Vierer-Bande von Studentinnen, die sich vorgenommen haben, den besten Mann zu finden: Er muß interessant und mindestens zehn Jahre älter sein. Sie ist Stipendiatin an seiner Hochschule. Den sie sich als Opfer ausgeguckt hat, könnte ihr Vater sein. Nahrungsergänzungsmittel machen ihn fit für sein Altersglück in jenem Sommer, in dem Italien in Deutschland Fußball-Weltmeister geworden ist. Und sie haben es nicht bemerkt. Natürlich stellt er sich die Frage, was diese Göre eigentlich von ihm will. Als sie ihm ihre Heimat, die Orte ihrer Jugend zeigt, „verbrennt“ er, da er die Hitze der Insel und ihre Jugend nicht erträgt. Der Egoismus des Schlafs wird fort- und zu Ende geführt in die Einsamkeit, die Trennung im „großen Schlaf“.

Der Autor zu seinem Buch

Oktober 1809 notiert Goethe in seinem Tagebuch das „Schema einer Biographie“ – und daraus entsteht „Dichtung und Wahrheit“. Gleich zu Anfang rechtfertigt er sein Unternehmen: Schon immer ist der Autor mit dem Anspruch der Leser und Verleger konfrontiert (und der Kritiker, möchte ich hinzufügen), „die Lebens- und Gemütszustände, die den Stoff (für ein Werk) hergegeben“ haben, preiszugeben! Und welche „meistens besondere Veranlassungen dieselben hervorgebracht“ haben. Catarina Valente und die Capri Fischer waren es bei „Marmotta“ bestimmt nicht! Wenn schon name dropping, dann Pontiggia, Verga, Deledda. Von zimmerischer Seite aber ist es Goethe; nicht seine „Italienische Reise“, sondern die „Wahlverwandtschaften“ von 1809; zu ihnen findet sich eine Auskunft bei Eckermann im Zweiten Teil, von Mittwoch, dem 17. Februar 1830: "darin kein Strich enthalten, der nicht erlebt, aber kein Strich so, wie er erlebt worden." „Marmotta“ ist meine Erinnerung an den 200sten Geburtstag der „Wahlverwandtschaften“. Mehr will ich hier nicht preisgeben. Weil „die Autoren selbst, welche vortreffliche Sachen hervorbrachten, wenn sie darüber zu reden anfingen, wenn sie den Grund ihres Handelns angaben, wenn sie sich verteidigen, entschuldigen, beschönigen wollten, doch auch nicht immer den rechten Fleck zu treffen wussten.“ Herbert Kollenz

Stimmen zum Buch und Rezensionen

"Marmotta oder Das große Glück der späten Liebe auf italienisch

Der Leipziger Literaturverlag leistet sich, was man sich so wünscht von einem Literaturverlag: mutige Übersetzungsversuche, literarische Exkursionen und Entdeckungen abseits der großen Teiche der gerade geschlüpften Jungautoren. Das Ergebnis sind Bücher, die sich lesen lassen.

So wie Herbert Kollenz' "Marmotta". Gleich vorweg gesagt: die avisierte Vierer-Bande von Studentinnen aus der Verlagsankündigung kommt nicht drin vor. Nur ganz am Rande wird der Schwur der jungen Damen erwähnt, sich einen um wenigstens zehn Jahre älteren Liebhaber zu angeln. Was sie dann auch alle tun. Aber nur Marmotta, die 22-jährige Austauschstudentin, bekommt eine Rolle – die schönste Rolle, die Kollenz zu vergeben hat: die der jungen italienischen Geliebten des über 30 Jahre älteren Literaturprofessors, aus dessen Perspektive das Buch eigentlich erzählt ist. Sie ist kurzsichtig, kann ohne ihre Brille fast nichts sehen. Aber sie sucht sich ihren Lehrer auch nicht der Schönheit wegen aus, sondern seines milden Aussehens wegen und seiner Nachdenklichkeit. Welcher gealterte Mann wünscht sich das nicht: Von jungen Frauen, die so zauberhaft aussehen, dass sie jeden Neptun und jeden Dionysos bekommen können, einfach des eigenen Geistes und des kultivierten Gespräches wegen geliebt zu werden? Zuweilen geschieht das wohl auch. Und wie innig das zugehen kann, schildert der 1949 in Schwetzingen geborene Autor, ausgebildeter Antiquar, studierter Germanist und Philosoph aus Heidelberg so ruhig, unaufgeregt und nachdenklich, wie man es eher selten findet. Keine Sensationen, keine Exkurse darüber, wie schrecklich ungewöhnlich nun gerade dieses Verhältnis ist, kein Beziehungstrara, dass es für eine deutsche Liebesfilmverfilmung taugen könnte. Für eine Verfilmung schon. Denn tatsächlich wird das, was die beiden da im Weltmeisterschaftssommer 2006 erleben zum intensivsten Sommer, den der Erzähler nach vielen Jahren des Alleinseins erlebt. Ein Sommer, in dem er noch einmal den Ansprüchen und Unsicherheiten eines jungen Lebens begegnet und der nie ruhenden Frage: Wie geht das zusammen? Geht das überhaupt? – Denn zusätzlich trennt beide die Sprache. Nicht völlig. Jeder beherrscht ein wenig die Sprache des Anderen. Und so tasten sie sich in immer neuen Dialogen vor zu den Worten, ihren Bedeutungen und Missdeutungen. So dass das Buch auch ein klein wenig das Staunen erweckt über die rustikalen Schrägheiten der deutschen Sprache. Kein Wunder, dass Gäste aus anderen Sprachen damit ihre Probleme bekommen. Und auch bei den beiden wird's nicht immer ganz glatt. Mancher Dialog wirkt schroff, fast bissig – nicht alles lässt sich aussprechen. Und manchmal ist es eben doch nicht die Sprache, die hindert. Und so, wie sich der Erzähler seinem so unverhofften Gast annähert und widmet, widmet er sich auch intensiver seiner Rolle als Mann und Liebhaber und nun auf einmal etwas ältlicher Schwiegersohn in spe. Er erfährt wieder, wie das ist, wenn man sich in die kleinen Gesten und die Nähe eines Mitmenschen verliebt – und wie das Unverhoffte fehlen kann, wenn Marmotta fort ist. Die Weltmeisterschaft, auch das darf verraten werden, spielt ebenfalls keine Rolle. Wen interessiert sie auch noch, wenn einer das Buch in ein paar Jahren aufschlägt und eintaucht in diese Liebesgeschichte, die anfangs wie ein Überfall daherkommt und schließlich in ein großes, sizilianisches Finale übergeht? Meer und Sonne dominieren die letzten Seiten. Glühende Bilder für Regisseure, die die Poesie der Bilder einzufangen vermögen. Der Spannungsbogen noch einmal ganz groß – fast mythisch. Naja. Und dann passiert's eben doch. Fast unmerklich. Wie hingetupft.

Ein Buch voller Sprachwitz, Lebensfreude und einmal nicht mit einem perfekten Helden. Kein Wunder, das die Heidelberger Herbert Kollenz zu ihrem Super-Dichter gekürt haben. Und das sein Erzählen sogar ein wenig an den Stil jüngerer italienischer Autoren erinnert, stört auch nicht. Im Gegenteil: Es ist ein erfrischender Ton in einer ansonsten – siehe oben – sehr rustikalen Sprachlandschaft." Ralf Juhlke, L-IZ, 15. 9. 2009

 

"Mein erster Gedanke war, da versucht ein alter Knabe seine Studentin(nen) zu vernaschen, schlägt auch noch Kapital aus dieser Geschichte und schreibt genau das, was er beruflich tut.Aber so einfach ist das nicht.
Zuerst war das viele Italienisch hinderlich, jedoch wird die Übersetzung nachgeliefert, ohne daß der Lesefluß behindert wird. Auch bleibt der kurze, sensible, jedoch intensive Sprachstil bis zum Schluß erhalten.
Das Ende der Geschichte ist traurig, man fragt sich unwillkürlich, folgt sie ihm in den Tod? 'Dort reichen wir uns die Hand.' Das wäre ein schlechter Schlußgedanke.
Je mehr ich gelesen habe, desto sympathischer wurde mir der Alternde, er zeigt sich von großer Liebe, Zärtlichkeit, Weisheit und Lebenserfahrung. Er gibt der Studentin neuen Lebensmut, wenn gleich sie oft reifer wirkt als er, so, als würde schon eine alte Seele in ihrem jungen Körper leben." Man ist in der Liebe so einsam wie in seinem Sterben," sagt sie einmal.
Es gibt auch lustige Stellen, z.B. der Vergleich S. 8 zwischen Sprachkurs und Leben, "man versteht oft nichts und hört doch gerne zu". Das finde ich gelungen, ebenso das Wortspiel S. 17 mit "Miele" und "miele", Honig.
Er verliert nie die Geduld mit ihr und hat keine Angst, sich lächerlich zu machen.
Am schönsten ist die Situation unter dem Gewissensbaum (S. 156). Da ist sie wirklich eine weise Frau. Vielleicht gibt es sie, diese jungen Frauen mit einer 'frühen Reife'?
Auf alle Fälle sind beide außer dem Altersunterschied völlig gleichwertig. Sie gehen auf Augenhöhe miteinander um. Und dass ein alter Mensch eine zweite Jugend für einen jungen Menschen sein kann, finde ich, in meinem Alter, eine wunderbare Idee!"
efla

"Die Sprache ist Stärke und Schwäche des Buches gleichermaßen. Sie bewegt sich auf der Grenze zwischen Sprachen lernen im Erwachsenenalter und kindlichem Spracherwerb. Eine Art Kindersprache schwingt unterschwellig mit und charakterisiert die unbekümmerte Liebe zwischen »ihr« und »ihm«. Diese Sprache trägt als Stilmittel den Text in hervorragender Weise – kann andererseits dem Leser auch auf den Wecker gehen. »Marmotta« ist ein Sommer-Roman für den Strand; man kann ihn entnervt im Sand verbuddeln und mit Begeisterung wieder ausgraben." Szyllas Lesezeichen, 16. 4. 2009

Einen prominenten Fan hat Herbert Kollenz bereits. „Ingrid Noll hat mirgesagt, dass ich besser schreibe als sie“, berichtet der Heidelberger stolz. Ihr Wort hat Gewicht, schließlich gilt die spätberufene Schriftstellerin als als eine der erfolgreichsten zeitgenössischen deutschen Krimiautoren. Ralph Adameit, Schwetzinger Zeitung, 15. 3. 2009

 

 

Textprobe
aus: Marmotta

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