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Laozi
Schreibweisen: Lao tse, Lao-tse, Lao tzu, Laudse
Legendärer chinesischer Philosoph, der der Sage nach ein älterer Zeitgenosse des Kongzi (Konfuzius) gewesen sei und als königlicher Schrifthüter gearbeitet habe. Die Schilderung eines Treffens, bei dem Kongzi (5. Jh. v. Chr.) von Laozi über die Riten belehrt, findet sich bei Zhuangzi und gilt als phantasievolle Erfindung ohne historischen Gehalt. Auch die „Biographie“ des Laozi, die der chinesische Hofhistoriker Sima Qian (2. Jh. v. Chr.) wiedergibt, beruht auf Gerüchten. Ob je ein Mann namens „Laozi“ (wörtlich: „Alter Meister“) gelebt hat, wird von der Forschung bezweifelt. Die ihm zugeschriebene Aphorismensammlung „Daodejing“ entstand vermutlich zu Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. als Meditationsgrundlage für philosophische Schulen. Die heute übliche Kanonisierung des Textes in 81 Kapitel geht auf den Han-Kaiser Han Gi Di (156-140 v.Chr.) zurück.
Laozi, Daodejing. Aus dem Chinesischen von Viktor Kalinke, LLV 2011 - Taschenbuchausgabe
Studien zu Laozi, Daodejing - Bd. 1: Eine Wiedergabe seines Deutungsspektrums - chinesischer Text, Übersetzung, Zeichenlexikon und Konkordanz, LLV 2000
Studien zu Laozi, Daodejing - Bd. 2: Eine Erkundung seines Deutungsspektrums - Anmerkungen und Kommentare, LLV 2000
Studien zu Laozi, Daodejing - Bd. 3: Nichtstun als Handlungsmaxime, LLV 2011
Studien zu Laozi, Daodejing - Gesamtausgabe, Bd. 1 - 3, LLV 2011
Thomas Baumhekel, Zerbrochenes Holz, Kalligrafien zu Laozi, ERATA 2002
Bei den von Viktor Kalinke konzipierten "Studien zu Laozi · Daodejing" handelt es sich um die einzige Ausgabe im deutschsprachigen Raum, die auch den chinesischen Text wiedergibt (orientiert an der Standardversion nach Wang Bi), die ausdrücklich die Mehrdeutigkeiten „des“ Originals sowohl in der Übersetzung als auch im Kommentar berücksichtigt, und die ein Zeichenlexikon mit Konkordanz enthält. In einem sprachkritischen Teil – „Tiraden der Vieldeutigkeit“ – werden zahlreiche Lesarten einzelner Passagen diskutiert, der philosophische Kommentar sucht nach Verbindungen zwischen daoistischen Ideen und modernen systemtheoretischen Überlegungen - eine Fundgrube für Leser und Forscher.
Das Daodejing entstand in einer politischen Wendezeit. Die ältesten Überlieferungen, 1973 in einem Fürstengrab nahe des Dorfes Mawangdui gefunden, stammen etwa aus dem Jahr 200 vor unserer Zeit, als China, bis dahin ein loser Verbund einander um die Vorherrschaft befehdender Fürstentümer, durch den mächtigen Teilstaat Qin vereinigt wurde. Während der Umbruchsperiode, die auch als Zeit der Streitenden Reiche (480–222) bezeichnet wird, blühte die Philosophie. Wandergelehrte wie Kongzi, Mengzi, Xunzi, Liezi und viele andere wollten ihre Auffassung jeweils als „Strategie“ verkaufen, nicht zuletzt um einen Posten an einem der Fürstenhöfe zu erhalten. Während sich die autoritären Lehren des Konfuzius als Staatsideologie durchsetzten, deren Kenntnis von den Beamten gefordert wurde, gehörte Laozi dank seiner vieldeutigen Metaphorik und subversiv-kritischen Aussagen zu den heimlichen Favoriten der gelehrten Beamten. Das Faszinierende des Daodejing besteht in einer einzigartig anmutenden Bündelung kosmischer, seelischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge, die mit Recht als unio mystica bezeichnet werden kann.
Eine neuerliche Herausgabe des Daodejing erscheint angesichts der Vielzahl an Übersetzungen überflüssig. Doch gerade die Einseitigkeit der Texte, der Anspruch, eben eine schlüssige Auslegung des chinesischen Originals vorzulegen, begründet die Unzufriedenheit des Lesers, der verschiedene Versionen miteinander vergleicht. Die hier vorgelegte Variante bemüht sich dagegen, die mehrdeutigen Passagen als mehrdeutig aufzunehmen und die Vielschichtigkeit der sprachlichen Struktur des Daodejing zu erhalten, auch wenn es mit einem Mehr an grammatischer Konstruktion im Deutschen erkauft werden muß.
Stimmen zur Übersetzung von Viktor Kalinke:
"Im Jahr 2011 erschien nun der dritte und abschließende Band von Viktor Kalinke Nichtstun als Handlungsmaxime mit sehr detaillierten und nuancierten Ausführungen zum Inhalt und Wesen des Daodejings. Eine aus meiner Sicht sehr umfassende und gelungene Zusammenfassung zum aktuellen Forschungsstand sowie eine ausgesprochen einfühlsame und beeindruckende Darlegung der Weltsicht vor dem philosophisch-menschlichen Hintergrund des Daodejing. Ein Buch, das man gelesen haben sollte!" Matthias Claus, Das klassische China
"Sehr ausführlich und sehr lebendig." Ralf Julke (Leipziger Internetzeitung)
"Es ist eine große Arbeit, die Sie geleistet haben. Ihr Fleiß und Ihre Beharrlichkeit verdienen besondere Anerkennung. Der Nutzen Ihrer Publikation steht außer Frage. Ich wünsche den Bänden, daß sie gut angenommen werden." Prof. Dr. Ralf Moritz (Universität Leipzig, Ostasiatisches Institut)
"Mit großem Interesse studiere ich Ihre Ausgabe vom Daodejing, die interessanteste Ausgabe, die mir bis jetzt begegnet ist." Ulrich Hasler (Trogen, Schweiz)
"Die Daodejing-Ausgabe von Herrn Kalinke ist wirklich sehr nützlich!" Christian Meyer (Universität Göttingen, Religionswissenschaft)
"Ein herrliches Buch, wenn man sich mit dem dao de jing vertieft auseinandersetzen will. Die einzelnen Kapitel werden im Orginal und in einer deutschen Übersetzung dargestellt - mit dem Zeichenlexikon kann das bedeutungsspektrum der einzelnen chinesischen zeichen erschließen." (Taoismus-Board)
"Ich danke Ihnen sehr für die beiden so hervorragenden Bände zu Laozi. Ich habe darin bereits etwas lesen können, bin begeistert, v.a. aufgrund der Authetizität des Wiedergegebenen. Nach meinen bescheideneren Kenntnissen in Bezug auf Laozi vermute ich, dass Sie der Erste sind, der den alten Chinesen für den deutschen Leser so gründlich aufgearbeitet hat." (Peter Gehrisch, Dresden)
"Hochachtung! Profund, ergiebig, einer der wenigen echten Beiträge, die weiterführen!" Dr. Hilmar Klaus (Aachen)
"Neben der deutschen Übersetzung werden auch die chinesischen Schriftzeichen des verwendeten Originaltextes wiedergegeben, was diese Ausgabe zur Ausnahme unter den deutschen Übersetzungen macht. Im zweiten Band geht der Verfasser detailliert auf die Bedeutung einzelner chinesischer Schriftzeichen ein. Auch dies wird von anderen deutschen Ausgaben nicht geboten und bietet besonders demjenigen neue Möglichkeit, der sich über das normale Maß hinaus mit dem Text auseinandersetzen will." Matthias Claus (Das klassische China, Weinheim)
Nichtstun
als Handlungsmaxime: Viktor Kalinke und die Faszination des Daodejing
Ralf Julke, L-IZ vom 05.07.2011
Studiert hat Viktor Kalinke eigentlich Psychologie und Mathematik. Aber was er da seit 2000 in nunmehr drei Bänden vorgelegt hat, wäre eigentlich der Stoff für eine handfeste Promotion in Philosophie. Alle drei Bände hat der heute 40-Jährige im Leipziger Literaturverlag veröffentlicht, den er 1998 als Edition Erata in Leipzig gegründet hat.
Im ersten Band bot er 2000 nicht nur eine eigene Übersetzung des chinesischen Klassikers - sondern ergänzte sie auch schon um ein Deutungsspektrum. Wer etwa bei Amazon nach dem Band sucht, findet ihn unter über 800 Treffern zum Daodejing auf Seite 3. Der deutsche Markt ist eigentlich gesättigt mit Übersetzungen der über 2.000 Jahre alten Schrift. Schon im Band 2, der ebenfalls 2000 erschien, beschäftigte sich Kalinke mit der Erkundung des Deutungsmaterials.
Jetzt hat er Band 3 folgen lassen, der eigentlich für alle, die das Daodejing noch nicht kennen, der erste Band sein müsste. Denn hier tut er das, was die meisten Übersetzungen des philosophischen Werkes nicht bieten: Er ordnet es ein in einen historischen, politischen und literarischen Kontext. Was gerade bei diesem Buch bitter nötig ist, denn um die Entstehung der Spruch-Sammlung ranken sich Legenden, Mutmaßungen und europäische Interpretationen, die seinen Intentionen oft zuwiderlaufen. Die größte Legende dabei ist der vermeintliche Autor selbst: Laozi, der Große Meister, den es wahrscheinlich so nie gegeben hat. Aber Menschen sind so - sie brauchen Geschichten, schöne Märchen.
Erst recht, wenn das Buch, das dem vermeintlichen Laozi (Lao Tse, Laudse) zugeschrieben wird, selbst kein Märchenbuch ist, sondern hochkomplex, mehrdeutig, auf irritierende Weise widersprüchlich. Und wenn dahinter auch noch eine Denkhaltung steht, die dem europäischen Logos regelrecht widerspricht. Hier erklärt niemand ein "höheres Ziel", hier interpretiert niemand einen "Sinn" in die Welt oder gar einen "gesetzmäßigen Aufstieg" zu immer höheren Gesellschaftsformen. Hier gibt es auch kein höheres Wesen.
Und trotzdem hat das Daodejing über Jahrhunderte die chinesische Gesellschaft geprägt, war Ratgeber für Kaiser und Beamte, für Kriegsherren und Mönche. Und seit 200 Jahren fasziniert es die Europäer, auch wenn sie - wie bei fast allem, was sie in fremden Landen vorfanden - ihre Weltsicht drüberstülpten und im Dao mal den Weltgeist, mal Gott, mal gar den Geist an sich, den großen Logos sahen.
Andere wieder stießen sich am Opportunismus vieler Sprüche. Und negierten dabei, dass dieser "Opportunismus" möglicherweise der Wesenskern des Buches ist, das sehr wahrscheinlich im Umkreis chinesischer Herrscherhäuser entstand, geschrieben von Gelehrten, die ihrem Mäzen ein händelbares Regelwerk für gutes Regieren in die Hand geben wollten. Aber da die Regierenden auch vor 2.200 Jahren wechseln konnten, war ein guter Rat nicht unbedingt konkret.- Und er bezog die schlichte Tatsache mit ein, dass sich die Dinge ändern konnten. Und dass das Unwahrscheinliche im Leben der Menschen (und der kaiserlichen Berater) eigentlich das Wahrscheinlichste ist.
Auch und erst recht im China irgendwann um 200 vor unserer Zeitrechnung, als nicht nur die Herrscher und die Reiche wechselten, sondern auch Naturkatastrophen wie Dürren und Überschwemmungen im Reich der Mitte das Schicksal ganzer Völker in kurzer Frist verändern konnten. Doch schon damals kannten die Chinesen keinen hohen, allwaltenden Gott, den sie dafür verantwortlich machten. Die Idee des Dao war möglicherweise schon weit vor Niederschrift des Daodejing lebendig. Es ist schwer zu übersetzen, weil es mehr meint als nur Welt oder Natur oder All, denn es umfasst auch die Veränderungen. Und es gibt das Dao des Kosmos und das Dao des Menschen, das Dao des Makrokosmos und das des Mikrokosmos. Und beide beeinflussen einander - und der einzelne Mensch kann, wenn er Erfolg haben will, gegen keines von beiden an. Er kann und sollte nur versuchen, mit seinem Dao im Einklang zu leben.
Das Höchstmögliche, das erreicht werden kann: Mit sich und der Welt in Einklang zu leben. - Natürlich ist das einer der vielen Ansatzpunkte, die auch im Daoismus missbrauchbar sind. "Es gibt keine weltanschauliche Lehre, die sich nicht missbrauchen lässt", schreibt Kalinke. Er schreibt noch viel mehr dazu. Denn die Rezeptionsgeschichte des Daodejing ähnelt so mancher Rezeptionsgeschichte europäischer Philosophien. Es bildeten sich Schulen und Parteien. Und manche gingen auch so weit, das absolute Kriegs- und Gewaltverbot im Daodejing zu missachten. Selbst als Lehre der Kriegskunst wurde es immer wieder ausgelegt. Neben seiner nachweisbar langen Wirkung als Lehre der Regierungskunst, die sich tatsächlich in dem Satz fassen lässt, der sich im von Kalinke gewählten Buchtitel widerspiegelt: "Handeln durch Nichtstun."
Auch so ein irritierender Spruch, den Kalinke für Europäer erst einmal (um-)interpretieren muss. Denn Nichtstun bedeutet im Daodejing nicht Müßiggang und Faulenzerei. Eher das Gegenteil: Ein Verzicht auf Handlungen, deren Folgen unüberschaubar, deren Risiken nicht kalkulierbar sind, ein Abwarten des richtigen Moments. Was für den Handelnden auch bedeutet: Er ist wachsam, ist stets bereit, Veränderungen im großen Dao wahrzunehmen und dann, wenn Handeln die gewünschte Entwicklung bestärkt, zu reagieren.
Klar: Das ist auch ein ideales Rezept für Feldherren. Und chinesische Feldherren haben es in den zurückliegenden 2.000 Jahren oft und erfolgreich angewandt. Nicht der gewinnt die Schlacht, der mit aller Macht blind drauflos stürmt, sondern der, der den richtigen Moment und den richtigen Ort wählt.
Und augenscheinlich ist es auch so, dass jene chinesischen Dynastien am längsten Bestand hatten, die ganz im Geiste des Daodejing regiert wurden - zurückhaltend. "'Handeln durch Nichthandeln', wie es im Daodejing konzipiert wird, ist zwar an Aktivität geknüpft, doch sie ist kein Hetzen und Jagen", schreibt Viktor Kalinke. "Vielmehr zeichnet sie sich aus durch: (1) Respekt vor den Dingen und Menschen sowie der ihnen innewohnenden Natur, (...) (4) Nutzung der Gelegenheiten, um durch minimale Interventionen den natürlichen Entwicklungsverlauf zu lenken, ohne ihn zu stören."
Vieles im Daodejing mutet im heutigen Sinne wie eine Philosophie der Nachhaltigkeit an. Sie verlegt auch die Verantwortung der Handelnden nicht in ein mystisches Jenseits oder zu irgendwelchen göttlichen Mächten, genauso wenig, wie das Daodejing eine Erlösung kennt oder ein Prinzip wie das christliche von Gut und Böse, das ja nur Sinn macht mit einer Ethik der Erlösung.
Was dem Einzelnen ja nichts abnimmt. Ein glückliches und erfülltes Leben führt man ja erst dann, wenn man im Einklang mit dem eigenen Dao und dem großen Dao der Welt lebt. "Prinzipien linearisieren den Menschen", schreibt Kalinke. "Die Komplexität der menschlichen Natur, der konkreten individuellen Natur des einzelnen Menschen, werden sie nicht gerecht." Sehr kritisch setzt er sich mit dem europäischen Glauben an die Prinzipien der französischen Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" auseinander. - "Sobald sie errungen ist, ist die europäische Freiheit eine Formalie, die im Vierjahreszyklus wahrgenommen werden darf ..." Zwischendurch darf dann die Extremismusklausel unterschrieben werden und demonstriert werden mit polizeilicher Überwachung des Funkverkehrs.
Es ist schon erstaunlich, zu welchen Gedanken so ein 2.000 Jahre altes chinesisches Buch anregt. Aber da Kalinke nicht nur das Daodejing und alle einschlägigen (chinesischen) Interpretatoren und Kommentatoren kennt, weiß er, wo das steht, was er sehr ausführlich und sehr lebendig erläutert. Und man ahnt, dass eine Menge dran sein könnte an seiner Empfehlung, das "Nichtstun" als Handlungsmaxime zu wählen. Und was man damit erreichen könnte, ohne dass man Staatskassen plündert und eine Welt in den Kollaps treiben muss.
