![]()
Esther Mohnweg
geb. 1964 in München, lebt in Berlin, Studium Linguistik/Philosophie, anschließend Tätigkeiten an Fließbändern und Kaufhauskassen, sowie im Buchhandel.
Preise
Lyrik-Förderpreis, Regensburg(1987), Publikumspreis des "Festival der Frauen",Dramatikerpreis der Hamburger Kampnagelfabriken(1990), Münchner Literaturstipendium (1991)
Veröffentlichungen
"Laura Melande Mo und Enthauptung einer Dame", 2 Theaterstücke,
S.Fischer/Frankfurt (1986); Co-Übersetzung des Musicals "Angry Housewifes"
von Collins&Henry, S.Fischer (1988); "Uhrenspiel", Roman,
Verlag Rosa Winkel/Berlin (1992); "Delfino", Roman, Verlag literareon/München
(2002); "Die kleinen Strophen des Liedes", Lyrik, igel Verlag/Oldenburg
(2004); "Das E-Kind", Roman, Verlag Peter Höll/Modautal (2008)
Winterschlaf,
Prosa, LLV 2010
Zuerst versinkt der Horizont. Berlingedichte, LLV 2011
Stimmen zu "Zuerst versinkt der Horizont"
Berlingedichte
von Esther Mohnweg
L-IZ, Ralf Julke vom 18.12.2011
Berlin kommt auch drin vor. Als Kulisse, Hintergrundfarbe, da und dort als zugiger Ort. Eigentlich geht's, wie so oft bei Esther Mohnweg, um Liebe, Partnerschaft und diese ganze höhere Mathematik der Beziehungen. Frau hat's ja nicht leicht in dieser Manege, den richtigen Gesellen fürs Leben zu finden. Oder auch nur für den Tag.
Und auch nach dem fünfzigsten Verlorenen bleibt die Sehnsucht nach der ersten, allerersten Verzauberung. So sollte Liebe sein. Eigentlich, wenn alles, Euer Ehren, so abliefe wie bei Tucholsky vorm Abblenden. Man gibt ja die Hoffnung nicht auf. "fünfzigmal hingegeben mich / aufgelöst wie Brausepulver". So sind die Künstlerinnen, diese begabten Frauen. Kreativität ist ihr Leben. Das brauchen sie sich von einem Tresenphilosophen nicht noch mal neu erzählen zu lassen. Da stutzen sie höchstens mal kurz. Und dann merkt man, wie ihnen die Enttäuschung im Blut gefriert.
Warum sollte es in Berliner Künstlerkneipen anders sein als in solchen andernorts? Wer wirklich Kunst macht, hängt da in der Regel nicht herum. Der redet auch keine Blasen in die Luft. Der macht einfach. Malt zum Beispiel lebenserfreuende Bilder, wie es Esther Mohnweg selbst tut. Sie malt und schreibt. Es ähnelt sich. Auch das gehört dazu - das Suchende, Hingetupfte, Farbenfreudige der Bilder. Ihre Gedichte sind so ähnlich. Auch ähnlich offen. Wie das Leben. Mit all seinen Fragen, die auch Männer kennen, wenn sie über die Frage nachdenken, die eben manchmal auch nach Berlin führt: Was mach' ich hier eigentlich? Was ist wichtig? Was will ich - auch von den anderen, die ich hereinlasse in mein Leben?
Schwierige Frage. Sie passt in der Regel nicht zu den Antworten, die die Beichtväter und Selbstgerechten bereit liegen haben im Setzkasten der Regeln. Da kommen sich gerade all jene, die mehr wollen vom Leben als den üblichen Baukasten ("Mein Haus, mein Auto, mein Mann, mein Pferd ...."), sehr seltsam vor. Schizophren zuweilen. Alleingelassen sehr oft.
"ich weiß noch daß ich vier Jahrzehnte lang / dachte ich wäre die Lüge / von nichts anderem konnte ich sprechen". ("Erste Liebe")
Manchmal hilft es da, von München nach Berlin zu ziehen. Dorthin, wo noch mehr brodelt und offen ist. Wo man größere Chancen vermutet, auf Gleichgesinnte zu treffen, ähnlich Suchende. Aber: Kann man das ablegen, was einen so misstrauisch macht? Wahrscheinlich nicht. Da geht es den Frauen wie den Männern. Auch wenn Frauen das besser sagen können. Oder genauer. Wer schlüpft in die Rolle des Leichtmatrosen, der nun Märchen am Landwehrkanal erzählt?
Die Hoffnung erzählt immer mit. Auch die, es könnte nun mal der Richtige sein. Einer, der sich auch preisgibt. Und der, wenn er sich schon öffnet, auch zuhört. Man kennt das ja, diesen Traum von der geteilten Last. "nie gelernt den Ball / zurückzuspielen fremdes Gewicht / liegt er mir in der Hand ...", schreibt Esther Mohnweg in "Bei Tageslicht".
Es sind Gedichte wie Glaskugeln. Wer seine Träume leben will, wird anspruchsvoll. Und legt den Tag und das Gesagte auf die Goldwaage. Denn: Was tut frau oder man, wenn das Gewicht nicht stimmt? Wenn der Andere den Trost nicht gibt, den er geben sollte, und auch sein Innerstes nicht ausbreitet. Männer tun das ja so selten. Warum nur? Gute Frage. "um solche Dinge geht man in den Wald / um Dämmerung und das / was keine Angst hat", schreibt Mohnweg.
Manchmal betrachtet sie die Männer wie fremde Tierchen, eine unbekannte Spezies, die immer wieder verweigert, was sie eigentlich geben soll. Liegt's an der Spezies? Vielleicht gar nicht. Manchmal liegt es auch an der Glasklarheit, die anspruchsvolle Künstlerinnen gern hätten. Auch, weil das Nichtgesagte nicht beruhigt, wieder misstrauisch macht. Da will frau manchmal zurück ins Ungewusste: "hol mich zurück ins wunschlose Unglücksland / wo man so abgedroschen sein und / ungeschoren träumen konnte", schreibt sie in "Das alte Lied". Kennt's einer? Klar. Die Dus, diese komischen vertrackten Männer, die ja auch gern sein wollten, wie die Dichterinnen sie gern hätten, kennen das auch. Genauso wie den Morgen, den Abend oder den Tag danach, wenn dieselbe Strophe umbricht: "wo nichts sich erfüllte / schon gar nicht du".
Was zurückbleibt, ist immer wieder die Ernüchterung, der skeptische und kritische Blick. Auf die Liebe und diese Männer mit ihren "grimmigen Idealen". Was macht man draus? - "wir waren eingeschworen auf / Verbindungslosigkeit man fand sich / zusammen und betrank sich / zusammen und betrank sich / ich hatte kein Erbarmen mehr / mit unseren Doppelgängern unsere / Sehnsucht widerte mich an ..."
Klar. Das kennen Viele nicht, die sich früh und behaglich eingerichtet haben in den Idealen des Bausparvertrages. Wer mehr will - von sich und vom Leben - der landet in Städten wie Berlin. Die Kulisse ist ja nicht nur Kulisse. Sie ist auch Teil der Suche und der Ratlosigkeit. Dazu gehört - folgerichtig - das So-tun-als-ob: Als ob das erfüllte Leben gefunden wär. Als wär's keine tägliche Aufgabe.
"so abgebrüht wie in Berlin / hat selten man den Mensch gesehn ...", schreibt sie. Vermisst die Käuze und begegnet ihnen doch jeden Tag. Und erwartet von ihnen eine ganze Menge. Das Uralte natürlich. "ich wollte daß zu lieben wehtut / wie alte Musik / mit diesem Kern aus Traurigkeit", heißt es in "Blinde Spiegel".
Es ist also durchaus auch ein Such- und Rätselbuch. Für alle, die mit diesem Ding Liebe auch nicht so recht im Reinen sind. Die vor- und zurückblättern, weil ihnen die Autorin wieder was zum Nach-Denken hingelegt hat. Einen Satz des Anstoßes. Der Beunruhigung. Ein rotes Bändchen hilft dem Leser, sich zumindest die letzte nachdenkliche Stelle zu merken. Den Rest muss man sich dann provisorisch mit entwerten Fahrscheinen, Einkaufszetteln und losen Kalenderblättern markieren. Die 20 Fotos der Autorin, die dem Band schwarz-weiß beigemischt sind, helfen eher weniger. Es sind eher menschenlose Eindrücke aus einem Szenetreff irgendwo in Berlin, wahrscheinlich Prenzlauer Berg. Die Ansässigen werden es wissen. Da und dort eine Nische in einer dortigen Kneipe. Vorstellbar, dass man da spät, wenn einem zu Hause die Decke auf den Kopf zu fallen droht oder das Bild, an dem man malt, nicht gelingen will, die Leute trifft, die dann ihr Seemannsgarn erzählen. Denn: Berlin ist eine Insel. "auf dieser Insel gestrandet zu sein / gibt keiner gerne zu ... Berlin das Chamäleon paßt / seine Haut nur den eigenen Launen an", schreibt sie im Gedicht "Exilanten".
Man geht also nach Berlin ins Exil, sucht die Liebe und schreibt Gedichte wie "kleine Rätsel auf Papier". Hier sind sie jetzt mal versammelt. Für alle, die auch noch so schön ratlos sind über all diese simplen Dinge des Lebens, die so beunruhigend sind. "am Ende werde ich ohnehin wieder / keinen Menschen geliebt haben sondern / die plötzliche Weite meiner Lungen". ("Sehen wir uns").
Stimmen zu "Winterschlaf"
„Der Leser folgt ihr völlig distanzlos auf diesem Weg der ausgesetzten Sehnsucht, der wie ein Weg durch verschneite Winterlandschaften ist ...“ Mona El-Khansa, Hans Mayer Projekt, Berlin
Winterschlaf:
Eine Geschichte über die Liebe, das Schweigen und die Mauer drumherum
Ralf Julke, L-IZ vom 21.02.2010
Es ist nicht ihr erstes Buch, das die Berliner Malerin, Fotografin und Autorin Esther Mohnweg jetzt im Leipziger Literaturverlag veröffentlicht hat. In der bemerkenswerten Reihe "graphik + art", in der Text und Illustration eine innige Einheit bilden. Eine Reihe quasi für Doppel-Talente. Die gibt es unter Autoren wie Künstlern immer wieder. Eine eigene Reihe dafür ist schon etwas Besonderes. Mal liefern die Künstler zu ihren Bildern die Gedichte mit. Oder – wie im Fall von Esther Mohnweg – kleine, prägnante Skizzen zu einer Geschichte, die durchaus eine Liebesgeschichte sein könnte.
Sie spielt im Berliner Künstlermilieu. Die Erzählerin ist augenscheinlich selbst Buchautorin, schreibt Gedichte und einen Roman, derweil sie irgendwie diese diffuse Liebesbeziehung zu einem Maler erlebt, der zwar alleweil die Frauen wechselt und eine attraktive Mannsperson sein muss. Doch irgendwie bekommt er Kopf und Bauch nicht zusammen. Und zwar nicht erst im Verlauf der Geschichte, sondern schon im ersten Kapitel, das Esther Mohnweg wohl nicht ohne Grund "Stein" betitelt hat. Das zweite heißt "Eis" und das dritte, in dem die Heldin sich von dieser unaussprechlichen Beziehung etwas lösen kann, dann "Wasser". Frauen sind ja mutig. Frauen erzählen gern Geschichten, die sie selbst betreffen, sehr dicht am Erlebten. So eine Geschichte ist auch das. Esther Mohnweg schlüpft in ihre Erzählerin hinein und schildert – nur scheinbar distanziert – die ganze Fabel: von der ersten, abtastenden Begegnung, dem Versuch, einander näher zu kommen ... doch halt: Es ist ihr Versuch, ihrem neuen Geliebten nahe zu kommen. Er hält sich da eher zurück. Schweigsam, abweisend und zurückhaltend gibt er sich von Anfang an.
Man hat schnell ein Bild von dieser Art Mann. Davon gibt es Viele. Ihr Schweigen, ihre Abwehr scheinen geradezu magisch auf Frauen zu wirken. Selbst dann, wenn diese klug und hellwach sind und eigentlich merken, dass sie den Panzer nicht durchdringen können. Da können die langen Abende in diversen Szene-Lokalen voller intensiver Gespräche sein – in der Zweisamkeit fängt das Schweigen an. Und sie spürt es ja, sieht es förmlich, wie der Angebetete mit einer Mauer um seine Gefühle durchs Leben läuft oder radelt. Wirklich ins Gespräch kommen beide erst durch die Distanz. Da staunt der Geliebte, was für Briefe er auf einmal bekommt und lässt kurz den Panzer fallen, zeigt sich einen Moment wehrlos. Nur um im nächsten Moment wieder zu flüchten, Treffen abzusagen, sich zu verweigern.
Da bleibt der Ratlosen nur, auf die Suche zu gehen nach seinen Bildern, seinen Ausstellungen hinterher zu reisen. Und da sie selbst malt, verraten ihr die Bilder augenscheinlich eine Menge. Nur: Es hilft ihr nicht weiter. Der Ferne, Schweigsame taut nicht auf. Und so gibt es auch kein reinigendes Unwetter, keine Romeo-und-Julia-Szene. Nur dieses Warten auf ein Zeichen, eine Geste. Man bekommt so eine Ahnung, was diesen Menschen, der so attraktiv auf Frauen wirkt, so verschlossen macht wie einen Panzerschrank. "... vielleicht wußtest du nicht, daß ich Menschen nicht domestizieren will, man macht das mit Hunden, nicht mit Menschen, du malst und nichts als das, brichst ab und zu ein Herz, so mag ich dich." Das ist dann fast schon der Satz zum Finale. Dieses Märchen geht nicht gut und nicht böse aus. Es geht gar nicht aus. – Der Abwesende ist überall präsent. "Skepsis holzgeschnitzt", so schildert sie sein Porträt, das er augenscheinlich jeder Zeitung gibt, wenn er irgendwo ausstellt. Einer, der Nähe und Offenheit misstraut. Auch typisch für so manchen Mann. Und so augenscheinlich gut geeignet, Beziehungen in einen Eisschrank zu verwandeln.
"Zu vielem bin ich untauglich geworden, nicht nur zu Küssen",
schreibt die Heldin, die sich so tapfer bemüht hat, gekämpft, auch erduldet.
So ganz verschieden ist sie von den Frauen nicht, die sich in noch duldsamere
Beziehungen mit diesem Bild von einem Mann einlassen. Es soll auch Männer
geben, die das toll finden: Einfach angebetet und umsorgt zu werden, weil
sie jede Gefühlsregung unterdrücken und ihr Herz in Eisenreifen gespannt
haben. – Dass es liebende Frauen nicht einmal als Affront betrachten, gibt
zu denken. Ist tatsächlich dieser Versteinerte "im Herzen barfuß",
wie er in einem seiner Kataloge den tschechischen Dichter Jan Skácel zitiert?
Am Ende sitzt sie allein da und schweigt. Das letzte Kapitel heißt zwar
"Wasser". Aber so richtig nach Tauwetter und Befreiung klingen
die letzten Sätze nicht.