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Michael Zgodzay

geb. 1974 in Chorzów (Polen), Studium der Polonistik, Philosophie und Theologie in Frankfurt am Main und Berlin. Magisterarbeit im Fach Polonistik mit dem Thema 'Anwesenheit' des Autors im Werk von Kazimierz Brandys. Seit 2007 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Slawistik, Fachgebiet: Westslawische Literaturen / Polonistik

Veröffentlichung im Leipziger Literaturverlag

Bożena Keff: Ein Stück über Mutter und Vaterland, LLV 2010

Dieses Buch, in der polnischen Presse als eines der außergewöhnlichsten und wichtigsten bezeichnet, tastet zwei Tabus an: Mutter und Vaterland. Die Mutter, die Krieg und Holocaust nach der Flucht aus Lemberg in der Sowjetunion überlebte, macht ihre Tochter zur Geisel ihrer Leidensgeschichte. Die Tochter, erdrückt von der usurpatorischen Mutterliebe, kann nicht erwachsen werden. Die drastische Gesellschaftsanalyse parodiert die Form des antiken Dramas und des Poems. Die Autorin greift auf die Alltagssprache zurück und zitiert antisemitische Phrasen, die auf der Straße oder in einer Arztpraxis im Umlauf sind, im Originalton.

Stimmen

„Keffs Stück ist höchst blasphemisch. Nicht nur, weil es die kulturelle Heiligkeit der Mutterschaft aufs Schärfste angreift. Noch schwerwiegender thematisiert das Stück, und zwar unverblümt, wie stark das Trauma der Eltern das Leben ihrer Kinder beschädigt.“ Magdalena Marszałek, Novinki

Interview

Im November 2010 ist im Leipziger Literaturverlag Bożena Keffs Utwór o matce i ojczyźnie in der Übersetzung von Michael Zgodzay auf Deutsch erschienen. Die polnische Ausgabe wurde auf novinki.de bereits besprochen. Tanja Hofmann hat mit dem Übersetzer ein Kurzinterview geführt.

Woher kam die Motivation, dieses Buch zu übersetzen?

Ich habe Bożena Keff als Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin bei einer Lesung an der HU Berlin kennen gelernt und war sehr bald vor allem von ihren Gedichten so begeistert, dass ich Kontakt zu ihr aufgenommen habe. Aber vielleicht war es auch etwas anderes: ich fand, dass sie eine humanistische Tradition der Aufklärung repräsentiert, die ich immer noch für sehr wichtig halte. Und dann ergab es sich, dass das „Stück“ in Polen erschienen ist und Frau Keff einen Übersetzer ins Deutsche suchte, der ein Textsample für die Buchmesse besorgt. Ich sagte, ich würde es gerne machen, das wäre eine Herausforderung für mich. Dann war ich in die Pläne für eine deutsche Herausgabe des Textes so weit involviert, dass recht schnell klar wurde, dass ich den ganzen Text übersetze. Ich habe dann sehr lange daran gearbeitet und diesen Text irgendwie zu meinem eigenen gemacht, auch wenn er eigentlich schon für sich sehr eigen ist und sich nicht unbedingt so einfach hergibt zum Aneignen. Aber wenn es einmal so weit ist, fragt man nicht mehr nach der Motivation.

Ich finde die Lektüre erstaunlich leicht, aber den Zugang zum Text doch schwierig. Könntest Du bitte diesen Text charakterisieren?

Vielleicht liegt die Schwierigkeit darin, dass es eine sehr private Geschichte ist, eine schmerzliche Geschichte der Weitergabe des Traumas der Shoah und gleichzeitig ein gesellschaftliches Manifest, der Versuch einer Befreiung aus mythischen Verhältnissen, an dem uns allen gelegen sein sollte. Eine erwachsene Frau möchte sich von den Schuldgefühlen gegenüber ihrer Mutter befreien, die diese in ihr permanent wachruft. Die Mutter hat die Shoah auf der Flucht überlebt und ist in dieser Geschichte gefangen. Einerseits soll die Tochter immer wieder diese Geschichte hören, aber an ihr teilhaben darf sie nicht. Statt wie die Mutter nun in einem (eigenen) Klagemonolog zu verharren, versucht sie einen öffentlichen Text zu produzieren und entwirft eine therapeutische Utopie (wenn es so etwas gibt). Sie erzählt die Geschichte ihrer Mutter und ihre eigene Geschichte, die nur zu ihrer eigenen werden kann, wenn sie sich von der Mutter abnabelt. Am Ende dieser Erzählung kann sie sich mit der Mutter versöhnen, auch wenn es eine recht pragmatische, von der Bitterkeit nicht ganz freie Versöhnung ist. Aber die Idee, die der Erzählerin vorschwebt, ist eindeutig: Aus Abhängigkeiten sollen Beziehungen werden, die vom Gefühl der Verantwortung getragen sind. Dazu braucht es auch Klarheit über die Verhältnisse, in denen wir leben. Im Fall der Erzählerin sind es natürlich die Verhältnisse im postkommunistischen Polen. Die sind eben noch sehr patriarchal, auch die Rolle der Mutter ist dem patriarchalen Muster unterworfen. Das muss sich ändern. Bożena Keff erzählt auch von einer Mütterlichkeit, die keine Ausbeutung ist. Ja, und dann ist da noch der Antisemitismus, der unter dem Realsozialismus konserviert wurde, aber vor allem auch mit dem mythischen gesellschaftlichen Kitt zu tun hat. Das hat die Autorin sehr drastisch gezeigt, indem sie die Sprache des öffentlichen Raums und die dort wirksamen Riten zitiert – sei es im Wartesaal einer Arztpraxis oder in einem Fußballstadion.

Wie würdest Du die Erfahrung des Übersetzens insgesamt bezeichnen?

Wie eine Beziehung: große Begeisterung, Skepsis zwischendurch, Wut und Verzweiflung über das eigene Unvermögen (typische Anfänger-Erfahrung) – dann natürlich die Projektion dieses Unvermögens auf die Autorin, weiterhin viele Schmerzen und am Ende weiß man nicht mehr richtig, wo man angekommen ist, auch wenn die Übersetzung abgeschlossen zu sein scheint… Ja, und was mache ich dann mit dieser Erfahrung? Aber dann kommt die Freude darüber, dass etwas entstanden ist, was sein eigenes Leben hat: ein eigener Text.

Was hat Spaß gemacht und was Probleme bereitet?

Probleme sind für mich immer akute Probleme, an die ich, wenn sie gelöst sind, nicht mehr denke. Es geht gar nicht so sehr um absolut unübersetzbare Ausdrücke oder Idiome oder Ungereimtheiten oder Inkonsequenzen des Textes, die der Übersetzer immer wieder versucht ist, dem Autor oder der Autorin anzulasten (dabei ist es nur mein Nahblick, der Manches zum Problem werden lässt), und sich darüber aufregt, dass er nun mit diesem/r PartnerIn irgendwie zurande kommen muss. Oft ist das größte Problem, den richtigen Ton zu treffen, damit der übersetzte Text tatsächlich auch klingt und seine Lebendigkeit nicht verliert. Im „Stück“ war es besonders die Vielstimmigkeit, die vielen Anleihen aus verschiedenen Idiolekten, aus verschiedenen Bereichen der Kultur und Popkultur. Ich weiß nicht, ob mir das immer gelungen ist. Aber natürlich ist es ein Glücksgefühl, wenn diese Probleme gelöst sind, oder wenn es mir gelingt, über sie hinwegzugehen und weiterzumachen.

Welche Hilfsmittel, Tricks und Strategien hast Du beim Arbeiten verwendet bzw. entwickelt?

Viele geduldige Menschen fragen, viel in Texten nachschlagen, sein eigenes Textwissen abfragen. Mit Wörterbüchern kommt man da nicht weit. Und abwarten, wenn der Kopf nicht will, dass der richtige Ausdruck, die richtige Phrase erscheint, dann muss man ihn in Ruhe lassen. Er verrät es dann meistens von selbst – in den unmöglichsten Situationen, versteht sich. Aber das ist schon aus dem Nähkästchen geplaudert…

Wie ist es, als Mann einen Text von einer Frau über das Frausein zu bearbeiten?

Ich glaube nicht, dass es hier einen privilegierten Zugang zum Text gibt, falls deine Frage das impliziert. Zunächst ist es ein Text über das KIND-Sein, über Familienverhältnisse, auf die die Autorin marxistische Terminologie anwendet, d.h. sie zeigt Mechanismen der Ausbeutung. Dass solche Mechanismen Frauen vor allem treffen, ist sicher unbezweifelbar. Gleichzeitig zeigt sie auch, wie ungerechte, mythische Verhältnisse ständig reproduziert werden, und hier hat die Geschlechterrolle m.E. keine große Bedeutung, weil die Konservierung gegenseitiger Abhängigkeiten jenseits der Geschlechterzuteilungen geschieht. Die Autorin hat noch etwas Tolles gemacht. Sie hat durch ihre quasi-marxistische Interpretation der Familie den in Polen noch höchst wirksamen Mythos von Familie und organischen Verwandtschaften als „gesunder Keimzelle“ (was für ein schrecklicher Ausdruck in diesem Kontext) der Gesellschaft angetastet. Nun sind die Familien in den seltensten Fällen „gesund“. Warum? Weil das Verhältnis genau umgekehrt ist. In den Familien werden gesellschaftliche Strukturen mit aller Härte und Ernst reproduziert und naturalisiert. Dagegen wehrt sich das Buch von Bożena Keff.

Inwiefern hat sich Dein Verhältnis zur Autorin und ihrem Werk geändert?

Es hat sich nicht wesentlich verändert.

Was würdest Du als nächstes übersetzen, wenn Du die Zeit und freie Wahl hättest?

Vielleicht einen Text von Stanislaw Ignacy Witkiewicz (Witkacy) – das ist eine echte Herausforderung. Aber um die Klassiker kümmern sich schon andere Übersetzer.

Vielen Dank für das Gespräch.

Rezensionen

Wenn die Idole das Leben erdrücken: Ein Stück über Mutter und Vaterland
Ralf Julke, L-IZ vom 21.01.2011

Wenn es um die liebe gute Heimat geht, dann haben unsere Nachbarn, die Polen, augenscheinlich ein genauso kompliziertes Verhältnis wie die Deutschen. So jedenfalls kann man "Ein Stück über Mutter und Vaterland" der Warschauer Dichterin und Dozentin für Gender Studies, Bozena Keff auch interpretieren. Und erschrecken. Denn dann erübrigt sich ja der Selbstbetrug, nur die eigenen Nationalnarren wären schlimm, es wäre nur ein deutsches Problem. Aber irgendetwas ist da im 20. Jahrhundert so gründlich schief gelaufen mit den Nationen und ihren Bewohnern, dass kaum noch ein Land nicht mit den heftigen Verwerfungen zu kämpfen hat, die ein nationalistischer Populismus so mit sich bringt. Auch in Polen trägt er chauvinistische und antisemitische Züge. Das ist die Begleitmusik in Bozena Keffs Stück, das in weiten Strecken wie ein Rückgriff auf antike Dramen-Traditionen wirkt.

Ein Chor spielt eine wesentliche Rolle - er spielt die Rollen, die das Volk so gespielt hat in der jüngeren polnischen Geschichte, mal als duldsames Lamm, mal als wartende Patientenschar, mal als Demonstrationschor der Solidarnosc. Denn das Leben der beiden Hauptfiguren - Ohrinchens und ihrer Mutter - spielt sich vor dem Tableau der Geschichte der letzten 70 Jahre ab, beginnt mit der Ermordung der Familie der Mutter und ihrer Flucht - und führt bald hinein in die schwierige Symbiose der Mutter, die von ihrer Tochter mehr als nur Dankbarkeit und Wiedergutmachung für das eigene Schicksal verlangt. Beide kommen zu Wort. Ihre Stimmen wechseln sich ab mit den Kommentaren der Erzählerin. Erinnerungen an vergangene Erlebnisse wechseln sich ab mit Klagen und Vorwürfen. Und darüber - in immer neuen Versionen eingeblendet: das idealisierte Bild der verehrten Mutter, die mal die Ur-Mutter aus der Vorgeschichte ist, öfter die Mater Dolorosa. Doch die Rollen passen nicht. Sie verdecken nur die nie aufgearbeitete Tragik des Krieges, des Holocausts und der Vertreibung aus Lemberg, die das Leben der Mutter dominieren - und damit auch ihre besitzergreifende Beziehung zur Tochter, die sich heftig wehrt gegen die Umschlingung - und dabei selbst leidet.

Es ist unübersehbar ein Drama, das von den lang anhaltenden Folgen erzählt, die die Traumata des Krieges und des Völkermordes hervorgebracht haben - und die sich in immer neuen Generationen manifestieren, weil sie nicht aufgearbeitet, nicht geheilt wurden. Wenn dann gar das Schweigen über die tiefen Verletzungen zugetüncht wird mit den falschen Bildern von unbedingter Vaterlands- und Mutterliebe, dann entstehen fast alptraumhafte Dialoge oder - eigentlich in der Mehrzahl: Monologe. Die Beschwörungen der Tochter erreichen keine Reaktion in den anklagenden Reden der Mutter. In Polen wurde Keffs Stück augenscheinlich als wichtige und notwendige Beschäftigung mit den beiden großen Tabus Vaterland (Väter sucht man in ihrem Stück vergebens) und Mutter betrachtet. Und so fremd ist das alles nicht aus deutscher Perspektive. Auch wenn hier das Verhältnis zum Vaterland deutlich gebrochener ist und die katholische Überhöhung der Mutterrolle nur von wenigen politischen Fraktionen noch als Grundmuster bedient wird.

Aber die grundlegenden Konflikte haben genauso tiefe Generationenkonflikte ausgelöst, die Traumata eines verschuldeten Völkermordens mit all seinen Folgen sind noch lange nicht ausgeheilt, auch wenn jetzt schon die zweite Generation daran arbeitet, die Verwundungen zu begreifen. Wie schwer es für die Kinder ist, das Schweigen und die Anklagen der Eltern zu ertragen, wird hier spürbar. Und auch, welche neuen tiefen Frustrationen es auslöst, wenn die Älteren erwarten, die Jüngeren würden nun das einlösen, was ihnen im Leben nicht vergönnt gewesen war. Und so delegieren die einen ihr Leben - und die anderen können in der Umklammerung nicht frei atmen. Was schon bedrückend genug ist. Die antisemitischen Prahlereien des Volkes im Wartezimmer geben dem Ganzen dann noch den leisen Brandgeruch, der immer mitschwelt, wenn mal wieder Nation und Mutterrolle besungen werden. Und das müssen gar nicht die Muskelprotze vom rechten Rand sein. Das kann auch ein kleiner arroganter Bürokrat sein, der ein knallrotes Buch in die Welt lanciert mit dem bärbeißigen Titel "Deutschland schafft sich ab".

Die Zündler der modernen Nationen sind sich alle sehr ähnlich. Und es sind immer große Worte und Idole, die sie auf den Altar heben. Sie lieben den Klamauk mit Fahnen, Denkmale, Tribünen und Eliten. Und es ist egal, welche Sprache sie sprechen. Sie kennen nur das Absolute, weil sie sich vor dem konkreten Menschlichen und den Sorgen und Nöten der Anderen fürchten. Sie haben kein Mitleid. Und die Folgen ihres Tuns sind ihnen herzlich egal. So betrachtet, wird auch die Dimension der griechischen Tragödie mit ihren selbstgerechten Göttern und ihrer schwarzen, undurchschaubaren Pädagogik verständlich, die Bozena Keff ihrem Stück gegeben hat. Die Tochter Ohrinchen verwandelt sich immer wieder, ist mal Kora, mal Persephone. Und damit ähnelt sie all den tapferen griechischen Königstöchtern, die versuchen, dem waltenden Verhängnis ihre Liebe und ihre Aufopferung entgegen zu setzen. Was ja meistens ganz tragisch scheitern musste.

 

Matrix auf Polnisch
von Magdalena Marszałek mit Übersetzungen von Michael Zgodzay

Bevor der Krakauer Alternativ-Verlag korporacja ha!art im Mai dieses Jahres Ein Stück über Mutter und Heimat (Utwór o Matce i Ojczyźnie) von Bożena Keff ins Programm aufnahm, reifte das 'Ungeheuer' – wie die Autorin selbst ihr Buch noch vor der Veröffentlichung bezeichnete – lange Zeit als eine illegale Datei in ihrem Computer. (Werk/Stück und Ungeheuer reimen sich im Polnischen: utwór und potwór.) In der Tat entbehrt das Buch jeglicher, selbst rudimentärer, Harmonie eines Werks. Es ist eine gewaltige poetische Hybride, mit Wucht zusammengefügt aus Lyrischem, Erzählendem, aber auch Satirisch-Polemischem zu einem vielstimmigen Stück – mit Anklängen an die Oper und das antike Drama. Und es ist ein Buch, das weh tut.

Bożena Keff heißt auch – und zwar seit ihrer Geburt in der Mitte des 20. Jahrhunderts – Bożena Umińska (oder seit einigen Jahren Umińska-Keff). Der Name des Vaters, dem es zu Beginn der Volksrepublik Polen von der Armee wärmstens anempfohlen wurde, den jüdischen Namen Keff gegen einen polnischen zu wechseln, wurde zum Namen der Dichterin. Seit den 1980er Jahren veröffentlicht Keff kleine Gedichtbände, die 2000 in Ist nicht fertig (Nie jest gotowy) gesammelt erschienen sind. Die Literatur wissenschaftlerin Umińska hat wiederum 2001 eine viel beachtete Monographie Figur mit Schatten (Postać z cieniem) über jüdische Frauenfiguren in der polnischen Literatur vorgelegt. Und die Publizistin und Essayistin Umińska-Keff, bekannt für ihren polemischen Geist, schreibt fürs Feuilleton. Auf dem Höhepunkt der (zum Glück vergangenen) Schreckensperiode unter den Gebrüdern Kaczyński ist 2006 ein Band mit ihren – wie immer ungehorsamen – Polemiken Barrikaden: Obsessive Chroniken (Barykady: Kroniki obsesyjne) erschienen. Wenn sie gerade nicht schreibt, arbeitet die Autorin am Jüdischen Historischen Institut in Warschau und gibt Seminare für Gender Studies an der Warschauer Universität.

Verteilt auf viele Stimmen und einen Chor wird im Stück über Mutter und Heimat eine Mutter-Tochter-Geschichte erzählt (oder eher gesungen?), mal im lyrischen Ton, mal mit Gebrüll. Die Mutter – als Mater und Demeter – 'singt' ihre Arien im Bass, Alt und Sopran. Diese Demeter ist gleichsam Hekate, die böse Göttin der Totenbeschwörung. In den Partien der Tochter, die mal als Erzählerin, mal als Kora oder Persephone, mal als Lara Croft, als Ripley vom Raumschiff Nostromo oder aber als Nosferatu erscheint, wird die Geschichte einer unheilvollen Beziehung geschildert, einer Abhängigkeit und einer verspäteten Rebellion. Die Mutter, einsam und egoistisch, gefangen in der eigenen Leidensgeschichte, klammert sich an ihre Tochter, lässt sie nicht los, unfähig, ihr Kind als Person wahrzunehmen, die ein Recht auf ein eigenes Leben hat. Die Tochter wird aber auch nicht in die Geschichte der Mutter gelassen – sie gehört den Nachgeborenen an, die sowieso nichts verstehen. Gebetsmühlenartig klingen die an die Tochter gerichteten Klagen der Mutter in den leeren vier Wänden, die als "zwei gute Ohren" für die Mutter, für das Opfer, herhalten muss. Denn die Mutter hat sonst niemanden:

Jetzt, da Hitler, der mir die ganze Familie ermordet hatte,
und Stalin, die Hölle soll ihn verschlingen, nicht mehr leben,
nur du bist mir geblieben, mein Kind,
von meinen nächsten.

Die Mutter, die den Krieg und den Holocaust nach der Flucht aus Lemberg in der Sowjetunion überlebte, macht ihre Tochter zur Geisel ihrer Leidensgeschichte. Die Tochter, erdrückt von ihrer usurpatorischen Mutterliebe, kann nicht erwachsen werden. Ripley wird das Alien nicht los, ihre verzweifelten Befreiungsversuche versanden, so stark ist der Bann psychischer Abhängigkeit, so zerstörerisch ist die doppelte Ohnmacht. Das Opfer schafft sich sein eigenes Opfer. Dem Opfer des Opfers bleibt nur Verachtung und Hass:

Ich weiß nicht mal, wann ich zum Altar steige, mich selbst aufschlitze
und das Herz herausreiße, das ist mein frisches Fleisch und nahrhaftes Blut –
ersticke, du Egotistin, blinde Idiotin,
Vergewaltigerin, Fotze!

Die Geschichte der oppressiven Beziehung findet kein Happyend. Es gibt keine Versöhnung, wenn auch zum Schluss die alte Mutter und die ebenfalls schon nicht mehr junge, ergraute Tochter sich etwas näher kommen, nicht zuletzt geeint vor einer anderen, größeren, aber ebenso kranken, gnadenlosen und oppressiven Mutter-Göttin: der Heimat. Im Epilog, im satirischen "Lied aus dem Wartezimmer der Arztpraxis", reproduzieren die dort versammelten Herrschaften eine Mixtur aus antisemitischen, gegen alles 'Nicht-Polnische' (sei es Miłosz oder Szymborska, seien es Schwule oder Feministinnen) gerichteten Beschimpfungen; eine vox populi in kondensierter Form, bekannt aus manchem rechtsextremen Presseblatt oder dem berühmt-berüchtigten Rundfunk, der ebenfalls eine Mutter im Namen führt – die Gottesmutter Maria.

Keffs Stück über Mutter und Heimat ist höchst blasphemisch. Nicht nur, weil es die kulturelle Heiligkeit der Mutterschaft aufs Schärfste angreift. Noch schwerwiegender thematisiert das Stück, und zwar unverblümt, das, was in der Literatur der sogenannten zweiten Generation, der Kinder der Holocaust-Überlebenden oft nur angedeutet wird, nämlich, wie stark das Trauma der Eltern das Leben ihrer Kinder beschädigt. Die Autorin gibt in einem Interview offen zu, dass es Spiegelmans Graphic Novel Maus war, die sie zum Schreiben ihres Stücks ermutigt hatte. Nun setzt sie – anders als Spiegelman dies tat – das Kind, die Tochter, in den Mittelpunkt. Auch ähnelt die Mutter nicht den aus den vielen Büchern der zweiten Generation bekannten, im quälenden Schweigen versteinerten Eltern, denen die Kinder mit Furcht und Mitleid begegnen. Der Mutter muss ihre Geschichte nicht durch endloses Fragen entrissen werden, ganz im Gegenteil, ihr endloses Plappern verhindert geradezu, dass ihre Geschichte bei der Tochter ankommt. Und die Tochter gibt dies zu:

Aber der Krieg kam und alle wurden umgebracht.
(Aufgrund ihres ewigen Gelabers
verstehe ich bis heute nicht, was das für mich bedeutet).

Die Tochter, Kora-Persephone, ist Dichterin, so gibt es für sie keine "undarstellbaren Dinge". Diese Warnung wird schon zu Beginn des Stücks ausgesprochen und das Versprechen wird eingehalten. Nun verwundert es nicht, dass wenn man sich vornimmt, so viel Verletzendes auszusprechen, die Sprache selbst zur Hürde wird. Diese Hürde wird aber im Galopp bewältigt. Wie ein Wirbelsturm saugt die rasende Schreibwut alles auf, was sie unterwegs vorfindet. Hoher Kothurn der griechischen Tragödie und die Gossensprache, Mythologie und Popkultur, Publizistik und Lyrik – in allen Registern sucht sich die skandalöse 'Muttertötung' den Weg zur Artikulation. Und wie ein Wirbelsturm hinterlässt dieses Rasen eine durcheinander gewürfelte, versehrte, verunstaltete Form. Dramatisiert zu einer Art musikalischem Bühnenwerk, verdeutlicht das Stück alleine schon im Umgang mit den angedeuteten Genres, dass es Gewalt zum Thema hat.

Inspiriert von Bożena Keffs Stück, fand in der Krakauer Galerie für Moderne Kunst Bunkier Sztuki (Kunst-Bunker) von Juni bis August dieses Jahres die Ausstellung Meine Mutter ist nicht göttlich (Moja matka nie jest boska) statt. Sechs junge Künstlerinnen haben Installationen entworfen, die die Tochter-Mutter-Beziehung zum Thema haben. Unterschiedliches kam dabei heraus, darunter eine Videoaufnahme einer Choreographie von zwei sich im Tanz miteinander messenden Frauen, eine 'Phototapete' aus den in öffentlichen Frauen-Toiletten photographierten Sprüchen (suko jedna – das Deutsche kennt im Unterschied zum Polnischen und Englischen das Schimpfwort bitch nicht), und eine begleitende akustische Installation mit einer eindringlichen Mädchenstimme, die nach der Mutter ruft. Bemerkenswert ist dabei, dass sich die Künstlerinnen ausschließlich auf den privat-familiären Aspekt des von Keff so drastisch geschilderten Konflikts bezogen haben. Es steht außer Frage, dass dies in Polen schon genug Stoff für künstlerische Auseinandersetzung bietet (aber nicht nur dort), wo die Mutter-Figur kulturell so überladen ist, dass der Blick aufs Alltägliche versperrt wird. Es steht aber genauso außer Frage, dass die Tochter und die Mutter in Keffs Stück nicht ausschließlich Figuren eines Familiendramas sind. Die Künstlerin Dorota Buczkowska hat in der Abstraktheit ihrer Installation Transfusion eine eindrucksvolle visuelle Metapher für die von Keff geschilderten Konstellationen gefunden: Buczkowska verband zwei durchsichtige aufblasbare Plastiksessel, mit roter Flüssigkeit gefüllt, mit einem Schlauch. Genauso osmotisch miteinander verbunden erscheinen die Tochter und die Mutter im Stück, und die Transfusion des Leidens, das keineswegs nur im Privaten seinen Ursprung hat, macht sie unzertrennlich.

Keff geht in ihrem Stück über das Private hinaus und universalisiert den intimen Konflikt zu einer kulturellen Matrix – im wortwörtlichen Sinne: Die oppressive Mutter steht für den matriarchalen Part im patriarchalen, autoritären Netz der Macht. Matrix ist seine Kehrseite und sein Hinterhalt. Es ist anzunehmen, dass das gerade Keff übel genommen wird, ihr Drang zum Universalen, der jeder Einzigartigkeit der Identität trotzt, auch der Jüdischen. Auch das wird im Stück klar gesagt, wenn Polańskis Film Der Pianist kommentiert wird, denn:

im Großen und Ganzen ist man mehr Künstler als Jude,
das ewig Gleiche, ich verstehe das gut.

Das Nachwort zum Stück über Mutter und Heimat haben zwei Frauen verfasst: Maria Janion und Izabela Filipiak, die beide selbst zum Inbegriff des Außenseitertums geworden sind. Maria Janion, eine Nestorin und Patronin (Mutter?) der polnischen Literaturwissenschaft, die sich seit Jahrzehnten mit der Transgression, mit den Exkludierten und Ausgestoßenen in der polnischen Kultur beschäftigt (und deren Arbeiten – ebenfalls ein Skandalon – nicht mal ansatzweise ins Deutsche übertragen wurden), und Izabela Filipiak, die in den 1990er Jahren mit ihrem Roman Die absolute Amnesie (Absolutna amnezja) radikal mit der patriarchalen Familie aus der Sicht der Tochter abrechnete. Das Nachwort mildert zwar alleine durch die ordnende künstlerisch-kulturelle Analyse ein wenig das Gift des Stücks, in der Lektüre wird aber trotzdem jede/r erstmal für sich entscheiden müssen, ob die toxische Dosis zu ertragen ist.

Weitere Veröffentlichungen

Aufsätze:

"um von deinem toten körper etwas zu stibitzen": Ein Portrait des Dichters Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki. In: Novinki. Neuerscheinungen aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa.
http://www.novinki.de/html/vorgestellt/Portrait_Dycki.html (Stand: 28.01.08)

Płeć a zagrożona tożsamość w twórczości Eugeniusza Tkaczyszyna-Dyckiego. In: Lektury płci. Polskie (kon)teksty, red. Mieczysław Dąbrowski, Warszawa 2008, 311-320.

Poesie als 'Ort der Verführung'. Poetologische Metaphern in der Lyrik von Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki. In: Fabian, Jeanette: Poesie - Intermedial. Frankfurt am Main. (in Druck)

Versuch über Schmerzfiguren in der Prosa von Witold Gombrowicz. In: Plurale, 8 (2009) Hrsg.: M. Goller, u.a. (in Vorbereitung).

Rezensionen:

Durchsichtigkeit - Zu Marek Bieńczyks neuem Essay. In: Novinki. Neuerscheinungen aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa.
http://www.novinki.de/html/gegengelesen/Rezension_bienczyk.html (Stand: 28.01.08)

Das Mekka der Tunten. Michal Witkowskis Roman über ein verlorenes sozialistisches Paradies. In: Der Tagesspiegel, Nr. 19 721, 08.11.2007, S. 36.

Übersetzungen:

[Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki: Zwei Gedichte]. In: Lyrik Log Nr 93.
http://www.satt.org/lyrik-log/93.html (Stand: 28.01.08)
[Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki: Zehn Gedichte]. In: Novinki. Neuerscheinungen aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa.
http://www.novinki.de/html/vorgestellt/Portrait_Dycki.html (Stand: 28.01.08)

Jolanta Brach-Czaina: Die Geschäftigkeit. [aus dem Polnischen, Originaltitel: Krzątactwo, in: Szczeliny istnienia. Kraków 1999.] In: Plurale, 7 (2008), Hrsg.: M. Goller, u.a., Berlin 2008, 301-320.

Karolina Kowalska, Zorka Wollny; Kuratorinnen: Anka Sasnal, Martyna Sztaba).

 

 


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